Wir leben in Zeiten, die uns einiges Kopfzerbrechen bereiten. Deshalb fragen wir in der Serie "Worüber denken Sie gerade nach?" führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Stimmen des öffentlichen Lebens, was sie gegenwärtig bedenkenswert finden. Die Fragen stellen Maja Beckers, Andrea Böhm, Christiane Grefe, Nils Markwardt, Elisabeth von Thadden oder Lars Weisbrod. Heute antwortet Netztheoretiker Jürgen Geuter, der sich mit Kryptowährungen befasst. 

ZEIT ONLINE: Jürgen Geuter, worüber denken Sie gerade nach?

Jürgen Geuter, Jahrgang 1979, ist Netztheoretiker und Autor. Geuter, der online unter dem Pseudonym @tante auftritt, hat Philosophie und Informatik studiert und ist hierzulande einer der profiliertesten Kritiker von Kryptowährungen und der Blockchain-Technologie. Zusammen mit Digitalexperten wie Bruce Schneier gehörte er kürzlich zu den Erstunterzeichnern eines offenen Briefs, der den US-Kongress auffordert, Kryptowährungen strenger zu regulieren. © Michael Kohls

Jürgen Geuter: Mich beschäftigt das große, völlig unregulierte Casino, dessen Spieler und Betreiber versuchen, den Planeten abzubrennen. Unter dem Schlagwort "Kryptowährungen" werden diverse unregulierte Wertpapiere gehandelt und an Endkunden verscherbelt. Unter der Flagge von technischer Innovation und "Disruption" spielt man hier die letzten 200 Jahre Finanzbetrug im Schnellverfahren noch einmal durch. Es gibt hinter den zahlreichen gehandelten Coins nichts, was man eine economic engine nennen könnte, keine echte ökonomische Wertschöpfung, da wird nichts produziert, es gibt keine echten Produkte. Es handelt sich um rein spekulative Vermögenswerte, die zudem auch noch wahnsinnig viel Energie verbrauchen und deswegen klimaschädlich sind. Oft handelt es sich auch schlicht um Betrug. Man klickt auf den falschen Link und alle Coins sind weg. Reichweitenstarke Influencer auf TikTok loben irgendwelche Währungen in den Himmel und behaupten: "Das ist die Zukunft." Der Preis geht hoch und die Influencer verkaufen schnell ihre Coins und dann kollabiert der Preis wieder. Wer für 1.000 Euro investiert hat, sitzt mit wertlosen Token da.

ZEIT ONLINE: Diese Masche nennt sich pump and dump und gilt auch unter vielen Kryptowährungsenthusiasten als Problem. Manche Coins haben jedoch zumindest prinzipiell einen Nutzen. Nehmen wir eine digitale Währung wie Monero, die es erlaubt, in der virtuellen Welt völlig anonym zu bezahlen. Hier wird doch tatsächlich eine Dienstleistung erbracht.

Geuter: Gerade Monero wird aber maßgeblich von Betrügern genutzt. Damit bezahlt man für Hacker-Erpressungen, ebenso für Kinderpornografie. Selbst wenn wir abstrakt sagen: Ja, es ist für manche ein Wert, anonym zahlen zu können – dann hat diese Dienstleistung in dieser Form trotzdem gesellschaftlich insgesamt kaum einen Wert, weil sie mehr Schaden als Nutzen verursacht.

ZEIT ONLINE: Schätzen Sie als Netzaktivist den Wert der Privatsphäre denn nicht so hoch, dass er auch angesichts solch negativer Folgen zu schützen ist? Sollte nicht jeder ein Grundrecht darauf haben, anonym zu kommunizieren und auch zu bezahlen?

Geuter: Das sind Cypherpunk-Ideen, die vor allem zu Beginn des Internets beliebt waren. Wenn man heute die Declaration of the Independence of Cyberspace liest, eins der zentralen Dokumente der Bewegung, dann fällt einem die brachial libertäre Ideologie auf, die damals vertreten wurde. Hier wird im Prinzip gesagt: Es darf in keinem Fall Eingriffe durch Staaten oder Autoritäten geben. Es gibt in dieser Vorstellung eigentlich nicht einmal eine echte Gesellschaft, nur Individuen, die manchmal miteinander gemeinsame Sache machen. Und deswegen, so glaubte man, müssen wir alles verschlüsseln, damit keine Autorität darauf einwirken kann. Auf einer abstrakten Ebene verstehe ich, warum das attraktiv war. Andererseits kann man in dieser libertären Denkweise vieles nicht abbilden, was den Menschen wichtig ist. Gerade die Netz-Community hat da in den letzten Jahren dazugelernt. Systeme, die man früher für vorbildlich hielt, weil sie keine strukturellen Eingriffe erlauben und dezentral laufen, zum Beispiel E-Mail, stellen uns nämlich auch vor große Probleme. Hier kann etwa keiner moderieren. Deswegen gibt es so viel Spam – und das ist noch das kleinere Problem. Wenn bei Ihnen Mails aufschlagen, in denen "Ich bring deine Kinder um" steht, ist das eigentlich nichts, was wir Menschen in der digitalen Welt zumuten wollen. Stattdessen favorisieren wir vertrauensbasierte Strukturen, in denen mit gewisser Autorität auch Verhaltensweisen unterbunden werden können. Deswegen moderieren wir Chaträume und soziale Medien.

ZEIT ONLINE: Würden Sie so weit gehen, Verschlüsselung zu verbieten, wie das gelegentlich von Politikern gefordert wird?

Geuter: Nein, der Staat soll natürlich nicht in jede Kommunikation reingucken. Die Chatkontrolle, die die EU gerade im Kampf gegen Kinderpornografie plant, ist zum Beispiel ein absurdes Vorhaben, das überhaupt nicht richtig durchdacht ist. Wenn Verbrecher verschlüsselt kommunizieren wollen, werden sie das auch in Zukunft tun, selbst wenn es verboten wäre. Aber gleichzeitig muss man auch ein erwachsenes Verhältnis zur Verschlüsselung entwickeln und sich von manchen naiven Cypherpunk-Vorstellungen verabschieden.

ZEIT ONLINE: Sie haben einen Begriff erwähnt, der für die Debatten um Kryptowährungen entscheidend ist: Dezentralität. Das Versprechen, das hinter der Blockchain-Technik steht, lautet nämlich: Hier kann der Zahlungsverkehr abgewickelt werden, ohne dass eine Zentrale, sagen wir eine Geschäftsbank, als Vermittler fungieren muss. Dezentrale Lösungen sorgen dafür, dass keine übermächtige Schaltstelle installiert werden muss, die Zugriff auf alle unsere Daten hat. Und das ist ein Fortschritt, denn so eine Zentrale stellt nicht nur ein dankbares Ziel für Angriffe dar, sie kann auch unser Vertrauen missbrauchen. Dezentrale Systeme wie die Blockchain lösen dieses Vertrauensproblem. Was stört Sie daran?

Geuter: Sie sprechen vom "Vertrauensproblem". Aber Vertrauen ist kein Problem. Vertrauen ist, wie Menschen miteinander umgehen. Das wollen die Krypto-Aktivisten aber nicht wahrhaben. Gavin Wood, einer der Gründer der Ethereum-Blockchain, sagt: "Vertrauen ist immer ein Fehler, Vertrauen muss weg aus unserer Gesellschaft." Ich halte diese Sichtweise für grundverkehrt. Fast alles, was wir tun, basiert auf Vertrauen. Die Beziehung zu deinen Kindern basiert auf Vertrauen, die Beziehung zu deinen Nachbarn. Wenn du dir von denen ein Ei leihst, dann setzt du dafür keinen Vertrag auf. Der linke Denker David Graeber hat immer gesagt: Selbst in kapitalistischen Gesellschaften arbeiten wir meistens als Kommunisten zusammen, weil wir einfach aufeinander vertrauen. Deswegen finde ich den Begriff "Vertrauensproblem" grundsätzlich irreführend.

ZEIT ONLINE: Aber Vertrauen scheint doch vor allem ein Werkzeug, kein Selbstzweck zu sein.

Geuter: Als Werkzeug dient es aber so vielen Zwecken, dass wir kaum darauf verzichten können. Vertrauen sorgt für Community-Building. Wenn wir vertrauen, dann leisten wir Beziehungsarbeit, die integral zur menschlichen Existenz dazugehört. Wenn wir das Vertrauen aus dieser Welt wegdenken, würden wir ein entfremdetes und isoliertes Leben führen. Klar, Vertrauen birgt Risiken – ich kann jemandem vertrauen und er kann mich enttäuschen. Und natürlich reicht Vertrauen nicht immer. Ein Arbeitsvertrag ist besser, als dass ich einfach darauf vertraue, dass mir jemand schon mein Geld überweist.

ZEIT ONLINE: Aber den Blockchain-Vertretern geht es nicht darum, das Alltagsvertrauen abzuschaffen. Sondern gerade um solche offiziellen Vertragskonstrukte, die bisher eben auch Vertrauen voraussetzen – nicht in den Nachbarn, aber in einen Notar, in Gerichte, in staatliche Institutionen.

Geuter: Ich fürchte, dass die Blockchain-Vordenker mehr wollen, als nur eine Alternative zum bestehenden Vertragssystem anzubieten. In der Kryptoblase will man nicht nur Verträge auf die Blockchain packen, sondern möglichst alle Interaktionen in diesem Sinne in Code überführen. Menschliche Interaktion ist hier immer eine Transaktion. Alles muss tokenisiert werden, das ist die dort vorherrschende Ideologie. Die Blockchain-Aktivisten vertreten ein Gesellschaftsbild wie Margaret Thatcher: "There is no such thing as a society." Es gibt nur Individuen, die miteinander Verträge schließen.