Mit Fällen mutmaßlicher Cancel Culture ist es ein bisschen wie mit Haiattacken: Ihre mediale Resonanz übertrifft die reale Gefahr bei Weitem. Das liegt auch daran, dass sie einerseits Erinnerungen aus dem kulturellen Gedächtnis und andererseits Urängste wecken: Bei Haien reicht die simple Meldung, hier oder dort habe es einen Surfer erwischt, damit vor dem inneren Auge ein ganzer Spielberg-Film abläuft, der seinerseits wiederum die für Menschen besonders verunsichernde Gefahr aus der unsichtbaren Tiefe des Meeres beschwört. Den Opfern und deren Angehörigen hilft es auch nicht, wenn Forscherinnen ihnen erklären, dass es doch eher unwahrscheinlich ist, was ihnen zustieß.
Diese Analogie wird nun natürlich gleich wieder fragwürdig – und zwar aus zwei Richtungen: Diejenigen, die Cancel Culture als ernst zu nehmende Bedrohung wahrnehmen, befürchten hier gewiss deren Verharmlosung. Wie kann man, fragen sie vielleicht, die Signifikanz von etwas in Abrede stellen, das doch zuletzt so wahrnehmbar war? Wie kann man sich auch derart verweigern, bedenkliche Muster zu erkennen und ernst zu nehmen? Schließlich wiederholt sich gerade im Fall der Biologin Marie-Luise Vollbrecht, deren Vortrag "Geschlecht ist nicht (Ge)schlecht, Sex, Gender und warum es in der Biologie zwei Geschlechter gibt" im Rahmen der Berliner Langen Nacht der Wissenschaften Ende letzter Woche seitens der Humboldt-Universität kurzfristig storniert wurde, was zwei Jahre zuvor schon die Kabarettistin Lisa Eckhart bei einem Literaturfestival erdulden musste. Nach Protesten in (sozialen) Medien und der Ankündigung von Demonstrationen vor Ort luden die Veranstalterinnen eine Teilnehmerin aufgrund von Sicherheitsbedenken wieder aus. Wie vergiftet und, ja, hochgradig gefährlich muss eine Kritik aber sein, wenn auf Worte die Befürchtung von Taten folgt?
Diejenigen, die von dieser Bedrohung nichts wissen wollen, verweisen hingegen auf eine ungleich schlechtere Datenlage. Im Gegensatz zu Haiattacken bezieht sich das Gespräch über Cancel Culture bisher ausschließlich auf anekdotische Evidenz. Satisfaktionsfähige Forschungsergebnisse zum Überthema sind nicht im Umlauf, eine Frankfurter Studie zu Meinungsfreiheit an Universitäten zerfiel vor einiger Zeit von großen Schlagzeilen zur doch recht kleinen Fachbereichsbefragung. Was bleibt, auch aufgrund der zirkulierenden Schlagzeilen, ist bei nicht wenigen Medienkonsumenten das Gefühl, identitätspolitische Kreise bedrohten die Meinungsfreiheit im Land.
Es gibt nun an
Universitäten und rund um Kulturveranstaltungen zweifellos lautstarke Menschen
und Gruppen, denen eher an Geländegewinnen gelegen ist als an einer offenen
Debatte unter mutmaßlich Gleichen. Schon allein weil sie nicht an diese
Gleichheit glauben: Sie beharren auf der Bedeutung von Sprecherinnenpositionen
und strukturellen gesellschaftlichen Machtverhältnissen, die es wenigstens im
Schutzraum der Universität auszugleichen gilt. Und wer die falsche
Sprecherposition hat oder diese nicht ordnungsgemäß reflektiert, der hat mit
ihnen ein Problem. Davon besonders betroffen sind alle Schattierungen
uneigentlichen Sprechens (Kunst) und vorläufiger oder anderweitig
diskussionswürdiger Thesen (Wissenschaft), vor allem wenn sie von einem
Mitglied der mutmaßlichen Mehrheitsgesellschaft vorgebracht werden.
So sehr das nun verständlich ist, so sehr kann es zumal an einer Universität diejenigen nerven, die gerade gefühlt keine Identitäts-, sondern Forschungsfragen zu klären haben. Und natürlich ist es auch keine Lösung, interdisziplinäre Debatten über Sex und Gender a priori zu verhindern, weil allein der Diskurs Menschen triggert, für die die verhandelten Themen schmerzhafte Identitätsfragen sind.
Zugleich ist aber auch das Umschlagen dieser Wahrnehmung gefährlich: Diejenigen gleich als Sicherheitsrisiko zu framen, die hier zum Beispiel aus biografischen Gründen, aufgrund gesellschaftlicher Zurückweisung und fortwährenden Übergriffen, eine hohe Sensibilität haben, ist mindestens aggressiv und verletzend. Auch wäre es eine Frage, für die es ebenfalls noch keine Klärung gibt: Wie viele Exzesse verbaler und körperlicher Gewalt von transidentischen oder -aktivistischen Menschen sind überhaupt bekannt, dass sie Absagen vorher angekündigter Veranstaltungen wirklich geraten erscheinen lassen? In Kriminalitätsstatistiken wird man da nicht fündig. Ansonsten bleibt aber auch hier: die tradierte biografische Evidenz. Und aktuell – um entsprechenden Kommentaren vorzugreifen – vielleicht noch der eine Handyfilm vom Übergriff auf eine lesbische Frau am Rande eines Dyke* March, dessen Hintergründe aber auch noch eher unklar scheinen.
Mit Fällen mutmaßlicher Cancel Culture ist es ein bisschen wie mit Haiattacken: Ihre mediale Resonanz übertrifft die reale Gefahr bei Weitem. Das liegt auch daran, dass sie einerseits Erinnerungen aus dem kulturellen Gedächtnis und andererseits Urängste wecken: Bei Haien reicht die simple Meldung, hier oder dort habe es einen Surfer erwischt, damit vor dem inneren Auge ein ganzer Spielberg-Film abläuft, der seinerseits wiederum die für Menschen besonders verunsichernde Gefahr aus der unsichtbaren Tiefe des Meeres beschwört. Den Opfern und deren Angehörigen hilft es auch nicht, wenn Forscherinnen ihnen erklären, dass es doch eher unwahrscheinlich ist, was ihnen zustieß.