Sie nannten sich die "Fortschrittskoalition", als sie ihre Regierungszeit Ende Dezember letzten Jahres begannen, es scheint schon so lange her, vor dem Krieg, vor der Energiekrise – und nun haben sie sich verloren, verheddert und vieles von dem verraten, für das sie angetreten waren: SPD, FDP, die Grünen. Sie schienen die perfekte Mischung, um dieses Land zu verändern: Zusammenhalt, Individualismus, Verantwortung. Und genau deshalb, weil sie so fortschrittlich im eigentlichen Sinn des Wortes schienen, ist die Enttäuschung über das gegenwärtige Agieren der Regierung auch so groß.

Einer der Gründe für diese Malaise liegt in einem Missverständnis begründet, das am Anfang der Koalition stand und damals offensiv als ein Versprechen verkauft wurde: das Wort Fortschritt. Alle drei Parteien verstehen etwas anderes unter diesem Begriff – aber im Idealfall, das war die Hoffnung, würden sich die drei verschiedenen Interpretationen so fügen, dass sich dieses Land verändert und dem 21. Jahrhundert öffnet. Dass auf Angela Merkels Status-quo-Verwaltung – mit substanziellen Ausreißern wie dem Atomausstieg und dem Management der Flüchtlingskrise – eine Politik folgt, die die Zukunft nicht als Gefahr, sondern als Chance sieht. Dass sich aus dem "Bündnis für Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit", so benannte der Untertitel des Koalitionsvertrags sehr punktgenau die unterschiedlichen Positionen von FDP, SPD und Grünen, etwas Ganzes formen würde – im Idealfall.

Dafür wäre es allerdings notwendig gewesen, dass jede der drei Parteien den Begriff, den sie sich zugeordnet haben, offen und nach vorne neu definiert. Dass sie Abschied nehmen von Vergangenheitspositionen und zur kritischen Überprüfung von zum Teil unreflektiert übernommenen Standpunkten bereit sind. Dass die FDP also Freiheit unter der Prämisse des Klimawandels reflektiert, sowohl als Verantwortung füreinander als auch als Vorsorge gegenüber Freiheitseinschränkungen, die der Klimawandel ganz automatisch mit sich bringen wird. Oder dass die SPD Gerechtigkeit weiter definiert als eine Fürsorgepolitik für fossile Lebensstile.

Die Grünen, für ihren Teil, haben den Begriff der Nachhaltigkeit unter dem Druck der kommenden Energiekrise schon sehr aufgeweicht, und die Verbiegungen von Robert Habeck auf der Suche nach Öl und Gas waren oft nicht schmerzfrei anzuschauen. Durch das Desaster der Gasumlage haben sie noch weiteres Vertrauen verloren, weil das Gesetz eben nicht nur handwerklich schlecht gemacht ist, sondern einen absurden Akzent setzt, der extrem schwer zu vermitteln ist: Die Kunden sollen die Konzerne retten, die ihnen höhere Gasrechnungen präsentieren. So wird es jedenfalls wahrgenommen.

Robert Habeck hat damit eine weitere Chance vergeben, die Möglichkeit einer im grünen Sinn umfassenden Transformation zu kommunizieren, die Vision einer postfossilen Gesellschaft über die gegenwärtige Krise hinaus klarzumachen. Das ist fatal, auch weil die anderen beiden Koalitionspartner die Zukunft zunehmend zugunsten der Vergangenheit aufgeben und ihren Fortschrittsbegriff, der ins 21. Jahrhundert ausgreifen müsste, wieder dorthin steuern, wo er seinen Ursprung hat: Freiheit und Gerechtigkeit, so wie sie FDP und SPD definieren, stammen in gewisser Weise aus dem 19. Jahrhundert als Kampf- oder Widerstandskonzept, im 20. Jahrhundert wurden diese beiden Ideen zur Grundlage einer wohlstandsbasierten demokratischen Form von Sozialstaat.

Für das 21. Jahrhundert müssten diese beiden Ideen und die damit verbundenen Konzepte von Individuum und Staat aber neu gedacht werden. Und der Krieg in der Ukraine wäre dazu ein guter Anlass gewesen. Der Krieg, in vielem ein Angriff des fossilen 20. auf das postfossile 21. Jahrhundert, könnte ein Nachdenken darüber beschleunigen, wie sich Freiheit und Gerechtigkeit in einer Zeit definieren lassen, in der es zum einen immer weniger zu verteilen gibt, die Wohlstandsidee im Fortschrittsbegriff sich also erschöpft, und andererseits Ungerechtigkeit und Ungleichheit so zunehmen, dass eine zahme sozialdemokratische Variante von Interessenausgleich nicht mehr ausreicht.

Beide Konzepte, Freiheit und Gerechtigkeit, müssen deshalb neu gedacht werden. Das 21. Jahrhundert folgt einer anderen Logik als das 20., der Epochenbruch im Weltbild hat Folgen für die politische Realität, für das Verhältnis von Staat und Individuum, für den Blick auf Zusammenhänge und Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft: Aus dem Denken der Systemtheorie etwa, aus Kybernetik und der technologischen Revolution, aus den Erkenntnissen der Evolutionsbiologie und letztlich auch aus der Einsicht in die Wirkweise des Klimawandels ergeben sich Schlussfolgerungen für einen Freiheitsbegriff, der sehr viel weniger individualistisch ist, weniger atomistisch, weniger egoistisch.