Wir leben in Zeiten, die uns einiges Kopfzerbrechen bereiten. Deshalb fragen wir in der Serie "Worüber denken Sie gerade nach?" führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Stimmen des öffentlichen Lebens, was sie gegenwärtig bedenkenswert finden. Die Fragen stellen Maja Beckers, Andrea Böhm, Christiane Grefe, Nils Markwardt, Elisabeth von Thadden, Lars Weisbrod oder Xifan Yang. Heute antwortet der Soziologe Markus Schroer.

ZEIT ONLINE: Markus Schroer, worüber denken Sie gerade nach?

Markus Schroer lehrt als Professor für Allgemeine Soziologie an der Philipps-Universität Marburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Kultur- und Raumsoziologie. Jüngst erschien von ihm das Buch "Geosoziologie – Die Erde als Raum des Lebens" (Suhrkamp). © privat

Markus Schroer: Angesichts weltweit anhaltender Feuersbrünste, Überschwemmungen und Vulkanausbrüche denke ich darüber nach, wie sich die Geosoziologie weiter ausbauen und umsetzen lässt, die ich gerade vorgelegt habe. Sie soll sich systematisch mit den Fragen der Klimakatastrophe, der globalen Erwärmung und allen damit zusammenhängenden Problemen beschäftigen. Nötig ist dafür eine Ausweitung der soziologischen Denkzone. Heute gilt es vor dem Hintergrund des Anthropozäns, also des menschengemachten Zeitalters, sich nicht mehr länger nur mit den klassischen Nebenfächern wie etwa der Geschichte und der Ethnologie auseinanderzusetzen, sondern auch mit für die Soziologie eher ungewohnten Gesprächspartnern wie der Geologie, der Geografie und der Biologie.

ZEIT ONLINE: Was hieße das konkret?

Schroer: Wir benötigen eine systematische Beschäftigung mit dem Faktor Erde als akut bedrohtem Lebensraum. Es geht um die breite Bündelung der Kräfte zur Bekämpfung der Klimakatastrophe, die sich bereits vor unser aller Augen vollzieht, an Intensität aber noch zunehmen wird. Dazu gehört auch die Frage, wie wir mit den sich häufenden Katastrophen umgehen, die einander nicht mehr länger ablösen, sondern sich multiplizieren. Man denke aktuell etwa an den Beschuss von Atomkraftwerken in Russlands Krieg gegen die Ukraine.

ZEIT ONLINE: Bevor wir diese geosoziologische Perspektive an praktischen Beispielen diskutieren, scheint noch ein grundsätzlicher Aspekt wichtig: Sie plädieren in Ihrem aktuellen Buch Geosoziologie dafür, die Geschichte nicht als bloße Abfolge von Zeitaltern zu begreifen. Vielmehr sagen Sie mit den Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari: "Nichts ist jemals zu Ende."

Schroer: Das scheint mir für das Verständnis der Gegenwart tatsächlich sehr wichtig zu sein. Gemeinhin sind wir – gerade auch in der Soziologie – darin verliebt, alles permanent neu zu erfinden. Es wird die Wissensgesellschaft ausgerufen, die Erlebnisgesellschaft, die Risikogesellschaft oder gar die Müdigkeitsgesellschaft. Dem gegenüber stelle ich mit großer Faszination fest, wie viele bedenkenswerte Überlegungen in alten, weitestgehend vergessenen Texten stecken.

ZEIT ONLINE: Welche wären das?

Schroer: Etwa jene des Soziologen Gabriel Tarde. Bei ihm findet sich bereits die Vorstellung, Soziologie müsse nicht nur menschliche Interaktionen untersuchen, sondern auch eine Offenheit für andere Lebewesen zeigen. Ähnlich ist es bei Werner Sombart, den man wie viele Klassiker meist nur im Hinblick auf bestimmte Fragen liest, andere Texte hingegen vernachlässigt. In seinem Buch Vom Menschen richtet Sombart den Blick auf die uns umgebende Materie, auf Böden, Wasser oder Wälder. Also auf vieles, was von der Soziologie in der Folge wenig beachtet wurde.  

ZEIT ONLINE: Dass die Dinge nie ganz vorbei sind, zeigt sich auch in den Gesellschaften selbst. Sie betonen etwa, dass weltweit immer noch rund zwei Milliarden Menschen direkt von der Landwirtschaft leben. Ebenso hätten wir uns im Laufe des Zivilisationsprozesses nicht einfach von den Höhlen in die Wolkenkratzer hochgewohnt, sondern unterirdische Behausungen gab es immer – wegen des Klimawandels erleben sie derzeit sogar eine Renaissance.  

Schroer: Im Fortschrittsdenken zeigt sich oft die Vorstellung, wir bewegten uns stetig weiter weg von Erde und Boden. Bisweilen wird sogar der Eindruck vermittelt, wir lebten bereits in einem völlig virtuellen Zeitalter, in dem es nur noch Digitalisierung, aber keine Körper oder räumliche Begrenztheiten mehr gibt. Ebenso deutlich wird diese Tendenz im anhaltenden Weltraumenthusiasmus. Heute sind es nicht nur Staaten, sondern auch Milliardäre und private Unternehmen, die von der Erdflucht träumen. Doch zeigt sich in letzterem auch, dass wir der Erde letztlich nicht entkommen. Schon Hannah Arendt und Hans Blumenberg wiesen bei den ersten Weltallflügen darauf hin, dass durch diese paradoxerweise nicht das Universum, sondern die Erde entdeckt wurde. Die Aufnahmen des "Blauen Planeten" führten eher zu einer Selbstbeobachtung, die entscheidend zur Gründung der Ökologiebewegung beigetragen hat.

ZEIT ONLINE: Dass der Mensch nach wie vor auf den Boden und nicht menschliche Akteure angewiesen ist, machen Sie unter anderem am Beispiel des Regenwurms deutlich. Warum ist auch der ein Fall für die Soziologie?

Schroer: Der Regenwurm ist relevant, weil er – wie viele andere Akteure – dazu beiträgt, den menschlichen Lebensraum so aufzubereiten, dass dort überhaupt Leben möglich ist. Er lockert den Boden, kultiviert ihn, sodass Pflanzen gedeihen können. So etwas vergessen wir im Alltag oft. Zumal wir beim Blick auf das, was wir klassischerweise Natur nennen, nicht selten eine festgelegte Wertigkeit haben. Es sind immer nur bestimmte Lebewesen, die als unbedingt rettbar dargestellt werden: der Eisbär oder Singvögel. Für weniger schön aussehende Kleinstlebewesen in der Erde gibt es hingegen keine Lobby. Dabei haben diese winzigen Bodenspezialisten, so bemerkte schon der Historiker Jules Michelet, buchstäblich erst die Fundamente für all jene Baudenkmale gelegt, die wir noch heute so staunend bewundern.  

ZEIT ONLINE: Aus geosoziologischer Perspektive ist nicht nur der Boden ein wichtiger Faktor, sondern auch das Wetter. Das scheint einem im Zuge von Hitzewellen direkt plausibel. Schließlich muss man bei Höchsttemperaturen seinen Tagesablauf anpassen oder gar ganz umstrukturieren.  

Schroer: Das Wetter steht gemeinhin unter Trivialitätsverdacht, gerade weil jeder darüber täglich spricht. Trotzdem hat schon immer jeder darüber geredet. Durch die Smartphones hat sich das sogar noch verstärkt, weil alle nun Wetter-Apps auf ihren Handys haben, sodass man noch genauer weiß, ob es in zwei Stunden regnen wird. Das bestätigt indes nur, dass das Wetter in unserem Alltag seit je eine enorme Rolle spielt und das Versprechen der Moderne, wonach wir durch unsere Technik von den äußeren Verhältnissen weitestgehend unabhängig gemacht haben, so nicht eingelöst wird. Es klafft also eine Lücke zwischen der Ideologie der Moderne und der alltäglichen Erfahrungswelt. Während erstere sich daran berauscht, dass uns das Wetter angesichts klimatisierter oder beheizter Räume praktisch kaum noch etwas anhaben kann, zeigt sich in den Hitzewellen das Gegenteil. Und selbst wenn uns klimatisierte Räume helfen, gerät die dafür nötige Infrastruktur oft aus dem Blickfeld. Die Röhren, Kabel und Leitungen verbannt man in den Keller oder hinter den Putz. Vieles von dem, was das Leben erst ermöglicht, wird in der Moderne also nicht stolz vorgezeigt, sondern vielmehr verborgen.