Wir leben in Zeiten, die uns einiges Kopfzerbrechen bereiten. Deshalb fragen wir in der Serie "Worüber denken Sie gerade nach?" führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Stimmen des öffentlichen Lebens, was sie gegenwärtig bedenkenswert finden. Die Fragen stellen Maja Beckers, Andrea Böhm, Christiane Grefe, Nils Markwardt, Elisabeth von Thadden, Lars Weisbrod oder Xifan Yang. Heute antwortet der Soziologe Stefan Aykut.
ZEIT ONLINE: Stefan Aykut, worüber denken Sie gerade nach?
Stefan Aykut: Worüber ich als Soziologe gerade nachdenke, hängt eng mit der politischen Aktualität zusammen, nämlich mit der starken Beschleunigung der Klimakrise, die wir gerade in der Form von Bränden und Trockenheit, aber auch in Überschwemmungen und Extremwetterereignissen erleben. Hinzu kommt der Krieg und mit ihm die Frage nach der notwendigen Beschleunigung der Energiewende in Europa. Ich frage mich deshalb: Wie schaffen wir die Dekarbonisierung noch schneller, und zwar als gesamtgesellschaftliche Aufgabe? Der Blick ist bisher zu eng auf das ökonomische und technische Geschehen oder auch die Energiemärkte gerichtet. Dabei ist es die gesellschaftliche Trägerschaft des Klimawandels, die unsere Aufmerksamkeit verdient. Die National Academy of Science der Vereinigten Staaten stellt zu Recht fest: Die Haupthürden des notwendigen Wandels zum Ausstieg aus den fossilen Energien sind nicht mehr technischer oder ökonomischer Art, sondern vor allem gesellschaftlich und politisch.
ZEIT ONLINE: Was meinen Sie mit gesellschaftlicher Trägerschaft?
Aykut: Mich interessiert, wie wir Klimapolitik nicht einfach als ein von oben gesteuertes Projekt politischer Eliten auffassen können, sondern wie wir vielmehr die Pluralität unserer Gesellschaft als Motor der Veränderungen begreifen können. Denn die Gesellschaft bewegt und verändert sich ja ohne Zweifel aktuell, vor allem dank der jungen Generation und Fridays for Future, aber auch darüber hinaus in vielen Bereichen, in denen Klima immer mehr zum Thema wird. In unserer Forschung in Hamburg sprechen wir deshalb von einer Klimatisierung der Gesellschaft, durch die Klimapolitik sich ausweitet, in immer neue Bereiche einsickert und neue Träger mobilisiert.
ZEIT ONLINE: Wer sind diese Träger, wenn nicht mehr nur die sozialen Bewegungen gemeint sind oder die Klimaaktivisten, die gerade in Hamburg Schienen und Brücken blockiert haben?
Aykut: Die Trägerschaft von sozialen Veränderungen verstehe ich umfassender. Der zivilgesellschaftliche Druck, der etwa von Protesten wie dem des Hamburger Klimacamps ausgeht, ist nur ein Teil dieser Dynamiken. Mich interessiert, wie die verschiedensten gesellschaftlichen Handlungsweisen zusammenwirken, die sich etwa in Städtenetzwerken oder in Klimaklagen, in neuem Konsumverhalten oder auch in veränderten Mustern von unternehmerischen Investitionen zeigen. Solche Veränderungen der Einstellungen und des Handelns bleiben oft lange unbemerkt, aber sie sind langfristig wirksam, weil sie sich in der Tiefe der Gesellschaft vollziehen.
ZEIT ONLINE: Gilt Ihr aktuelles Interesse spezifisch der deutschen Gesellschaft? Ihr Forschungsfeld ist doch eigentlich die internationale Klimapolitik mit ihren Akteuren? Würde eine Nationalisierung des Denkens für Sie nicht eine Verengung bedeuten?
Aykut: Die Sozialwissenschaften sind traditionell in einem methodischen Nationalismus gefangen. So hat der Soziologe Ulrich Beck die Tatsache genannt, dass die Statistiken und Kategorien, mit denen wir in der Forschung arbeiten, in Nationalstaaten entstanden sind und eine Erforschung der Weltgesellschaft behindern. Auch das UN-System ist ja durch nationalstaatliche Dynamiken gefärbt: Es ist global wichtig, was in den USA, in China, in Deutschland passiert. Der Klimawandel hält sich aber bekanntlich nicht an nationale Grenzen, und deshalb habe ich mich bisher für die Dialektik interessiert, die sich zwischen der globalen Ebene und den einzelnen Staaten entwickelt. Gegenwärtig aber interessiert mich tatsächlich besonders die eine Seite der Dialektik, es geht mir konkret um Deutschland, weil sich hier nun durch die Energiekrise eine neue Dynamik entfacht.
ZEIT ONLINE: Diese Beschleunigung, die vom russischen Krieg forciert wird, passt allerdings nicht gut dazu, dass alle Veränderungen, die Sie interessant finden, sich sehr langsam vollziehen. Was heißt es also, wenn Sie die Frage stellen, wie wir den Wandel schneller schaffen könnten?
Aykut: Gerade erst habe ich erlebt, dass bei einer Veranstaltung ein Klimawissenschaftler mit Dringlichkeit sagte: "Wir wissen genug über den Einfluss des Menschen auf das Klimasystem und auch über die Lösungen, aber wir tun nicht genug. Was fehlt, ist nicht das Wissen, sondern der politische Wille." Ich fürchte, das stimmt nur zur Hälfte. Den letzten Teil seiner Überzeugung halte ich sogar für falsch. Wir reden viel über die Versäumnisse der letzten Regierung und die Zögerlichkeit der jetzigen. Wir denken Klimapolitik als einen Appell an das politische Personal. Aber als Soziologe werde ich stutzig, wenn sich Verhalten wiederholt, und will wissen: Woran liegt das? Der politische Wille fällt ebenso wenig vom Himmel wie das ökonomische Denken. Sie sind Teil der sozialen Dynamiken, die wir alle mitprägen. Offenbar wissen wir nicht genug darüber, wie diese funktionieren, und wie wir sie beeinflussen können. Also fehlt es uns auch an Wissen darüber, wie wir die Klimawende beschleunigen können.
ZEIT ONLINE: Was genau ist es, das wir nicht wissen?
Aykut: Die blinden Flecken sind groß, wenn es um Prozesse geht, die sich partiell neben der Politik vollziehen, aber mit dieser interagieren, nur ein paar Beispiele: Welche kulturellen Werte und Daten fließen in die vermeintlich rein rationalen Entscheidungen von Unternehmen ein? Was wissen eigentlich Unternehmen, Städte oder Kommunen selbst über ihren CO2-Ausstoß und also darüber, wie sie ihn verringern können? Fließt dieses Wissen nur in die Nachhaltigkeitsberichte ein, oder verändert es auch die Investitionsstrategien? Wie steht es um die Wechselwirkungen von Konsumveränderungen, Stichwort Vegetarismus oder Plastikvermeidung, und politischen Weichenstellungen durch Verordnungen, Gesetze, Förderungen, Verbote? Was genau bewirken verschiedene Formen von Protest? Wie wirken sich Klimaklagen auf politisches Handeln und auf unternehmerische Strategien von Autobauern und Energieunternehmen aus? Wie beeinflussen solche Klagen die Risikoeinschätzung von Unternehmen? Kurz, ich möchte wissen: Welche sozialen Prozesse sind zentral für die Klimawende, welche Synergien sind denkbar, wo also ist Grund zur Hoffnung? Ich sehe zwar die Gefahr einer kausalistischen Engführung solcher Forschung. Aber sie ist dennoch notwendig.