Wir leben in Zeiten, die uns einiges Kopfzerbrechen bereiten. Deshalb fragen wir in der Serie "Worüber denken Sie gerade nach?" führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Stimmen des öffentlichen Lebens, was sie gegenwärtig bedenkenswert finden. Die Fragen stellen Maja Beckers, Andrea Böhm, Christiane Grefe, Nils Markwardt, Elisabeth von Thadden, Lars Weisbrod oder Xifan Yang. Heute antwortet die Soziologin Hannelore Bublitz, die sich mit den kulturellen Codes der Erben beschäftigt.

ZEIT ONLINE: Hannelore Bublitz, worüber denken Sie gerade nach?

Hannelore Bublitz: Ich denke darüber nach, wie es gesellschaftlichen Eliten eigentlich gelingt, weitgehend unter sich zu bleiben. Ich finde es auffällig, wie sehr, trotz der grundsätzlichen Idee der offenen Gesellschaft, sowohl Macht- als auch Leistungs- oder Geldeliten sich aus sich selbst heraus rekrutieren. Und mich interessieren besonders die verborgenen Codes, die Regeln, die man nirgendwo nachlesen kann, mit denen diese Kreise verschlossen werden.

Hannelore Bublitz ist emeritierte Professorin für Soziologie an der Universität Paderborn. Zuletzt erschien von ihr "Die verborgenen Codes der Erben" (transcript, 2022). © privat

ZEIT ONLINE: Warum beschäftigt Sie das gerade jetzt?

Bublitz: Das ist einerseits biografisch motiviert. Ich bin als Arbeitertochter Professorin geworden und habe mich im Laufe meines Forschungslebens immer wieder damit beschäftigt, welche Welten hier eigentlich aufeinanderprallen. Und jetzt, da ich emeritiert bin, schaue ich darauf noch einmal mit besonderem Interesse zurück. Gleichzeitig sind wir gesellschaftlich an einem Punkt, an dem viele eine "Refeudalisierung" beobachten, ein Begriff, den der Soziologe Sighard Neckel eingeführt hat, also eine ständische Verfestigung sozialer Herkunft.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Bublitz: Eigentlich kultivieren wir ja das Bild einer offenen Gesellschaft, die nicht festgelegt ist durch Klassenstrukturen. Es gab Jahre, da war es unanständig, diesen Begriff überhaupt zu nennen. Das wurde immer schnell korrigiert: "Sie meinen wohl Schicht!" Eigentlich wurde davon gar nicht mehr ausgegangen. Moderne Gesellschaften hat man gerne als kontingent beschrieben, als könnte auch alles ganz anders sein. Aber ich denke: Die Verhältnisse sind festgefahren. Klassengrenzen werden strikt gewahrt. Es handelt sich wieder um geschlossene Kreise. Kreise, aus denen Menschen nicht oder nur sehr schwer heraus- oder eben reinkommen.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie sagen "wieder geschlossene Kreise", wann haben sie sich denn wieder geschlossen?

Bublitz: Meiner Meinung nach war das nie richtig weg. Aber in verstärkter Weise passierte es in den letzten 20 Jahren. In den Achtzigerjahren hat der Soziologe Ulrich Beck den Begriff der Individualisierung prominent gemacht, es ging um sogenannte Bastelbiografien: mein Leben als Projekt. Das wurde vielfach aufgegriffen, im Grunde bis heute. Aber viele überlasen, was Beck damals schon schrieb: Individualisierung bedeutet nicht, dass die Klassenverhältnisse nicht mehr existieren. Im Gegenteil, sie sind schärfer geworden, aber die Herkunft zählt gesellschaftlich nicht mehr. Das heißt, man kann sie nicht mehr einsetzen als Erklärungsmuster. Vorher hatte man in Arbeiterfamilien vielleicht noch gesagt: "Die höhere Schule? Das ist nichts für uns." Jetzt zählte es nicht mehr als Muster der eigenen sozialen Fortbewegung. Beck schrieb, wir seien alle Individuen, aus Ständestrukturen "freigesetzt". Wohlgemerkt: Keineswegs sind sie aufgelöst, wir seien nur daraus freigesetzt. Und diese nie verschwundenen Klassenstrukturen bekommen wieder mehr Gewicht. Man ist weniger daraus freigesetzt, wenn wir bei dem Wort bleiben wollen, je mehr wieder das Erbe über sozialen Status entscheidet.

ZEIT ONLINE: Das ist auch das Thema der extrem erfolgreichen Bücher des Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Piketty. Er sagt: Erben habe heute wieder das Gewicht, das es im 19. Jahrhundert hatte.

Bublitz: Ja, Piketty legt ausführlich dar, dass man es allein durch Arbeit heute nicht mehr schafft, ein komfortables Auskommen zu haben, sondern dass es eben Erbschaften sind, die heute zunehmend die Gesellschaft strukturieren. Das ist eine ernüchternde Diagnose. Sein Rezept dagegen liegt in einer höheren Besteuerung großer Vermögen. Als die gerade zurückgetretene Liz Truss jüngst das Gegenteil versucht hat, also die Reichsten weniger zu besteuern, kam sie nicht durch mit diesem Vorschlag, selbst bei ihren eigenen konservativen Parteikollegen. Es gibt ein parteiübergreifendes Problembewusstsein dafür, dass etwa 10 Prozent der Weltbevölkerung 90 Prozent des Vermögens besitzen. Nur die Ideen, wie man dieser Konzentration entgegenwirken könnte, unterscheiden sich. Aber wenn in der Vergangenheit gemachtes Vermögen der wahrscheinlichste Weg zu zukünftigem Vermögen ist, dann wird es für die Erben umso wichtiger, diesen Status zu erhalten, und es geht zunehmend darum, die Zugänge dazu abzusperren.

ZEIT ONLINE: Wie werden die Zugänge denn abgesperrt?

Bublitz: Da gibt es natürlich eine Reihe geschäftlicher und politischer Praktiken. Aber meine Beobachtung ist: Erbe wird, neben dem Materiellen, in entscheidender Weise auch kulturell weitergegeben. Erben sind nicht einfach Erben, sie werden dazu gemacht. Sie halten nicht einfach die Hand auf, sie müssen sich in den Kreisen der "Auserwählten" bewähren, bestimmte Erwartungen an sie erfüllen und eine Reihe an Codes und Zeichen lernen. Auch wenn das nicht direkt mein Forschungsgegenstand ist, finde ich interessant, dass derzeit viele Serien das Thema aufgreifen. Billions, Succession oder die Neuauflage vom Denver Clan handeln alle davon, wie Erben gemacht werden und unter ihnen ein Konkurrenzkampf stattfindet. In Denver Clan gibt es eine Szene, da sagt die Tochter zu ihrem Vater, dem Patriarchen Blake Carrington: "Die erste Generation schafft das Geld an, die zweite versucht, es zu verwalten, und die dritte bringt alles durch." Genau das zu verhindern, darum geht's. Wer kann das Familienunternehmen führen? Wer ist wie loyal der Familie gegenüber? Wer hat die Kompetenzen, die nötige Härte, die sozialen Fähigkeiten, das Netzwerk zu erhalten und weiterzuspinnen? Da kriegen auch die Erben die Krise. Aber da sind natürlich ganz andere Ressourcen da, um sie darin zu unterstützen, in diese Rolle reinzuwachsen.