Wir leben in Zeiten, die uns einiges Kopfzerbrechen bereiten. Deshalb fragen wir in der Serie "Worüber denken Sie gerade nach?" führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Stimmen des öffentlichen Lebens, was sie gegenwärtig bedenkenswert finden. Die Fragen stellen Maja Beckers, Andrea Böhm, Christiane Grefe, Nils Markwardt, Elisabeth von Thadden, Lars Weisbrod oder Xifan Yang. Heute antwortet die Soziologin Alexandra Schauer.
ZEIT ONLINE: Alexandra Schauer, worüber denken Sie gerade nach?
Alexandra Schauer: Ich denke über die Gestaltbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse nach. Man könnte meinen, die Idee, Gesellschaft durch eigenes Handeln zu verändern, sei sehr alt. Als politische Programmatik entstand sie jedoch erst Ende des 18. Jahrhunderts im Windschatten der industriellen und politischen Revolutionen. Diese Idee der Gestaltbarkeit, die so viele politische Kämpfe motiviert hat, begann im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts an Überzeugungskraft zu verlieren. Ausdruck dessen sind allgegenwärtige Schlagworte wie Technokratie, Alternativlosigkeit, Privatisierung, Ökonomisierung oder Individualisierung. Mich treibt also die Frage um, wie die Idee des Citoyens, des politisch aktiven Staatsbürgers, durch die Figur des unternehmerischen Selbsts ersetzt wurde.