Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat ein Schreiben der Anwälte von Rammstein-Sänger Till Lindemann kritisiert: Die Juristen wollten damit Medien einschüchtern, die über die Vorwürfe gegen Lindemann berichten und recherchieren.
Die Berliner Anwaltskanzlei Schertz Bergmann, die auf Medien- und Presserecht spezialisiert ist, hatte per Pressemeldung und in einem sogenannten presserechtlichen Informationsschreiben erklärt, die von mehreren Frauen erhobenen Vorhaltungen seien "ausnahmslos unwahr". Man werde wegen sämtlicher Anschuldigungen dieser Art umgehend rechtliche Schritte einleiten.
Die Kanzlei wirft Medien in diesem Zusammenhang "unzulässige Verdachtsberichterstattung" vor. Außerdem sei gegen die Vorgabe verstoßen worden, "ausgewogen und objektiv" zu berichten, schreiben die Rechtsanwälte Christian Schertz und Simon Bergmann. "In fast allen Fällen fand eine nachhaltige Vorverurteilung zulasten unseres Mandanten statt." Auch dagegen werde man "umgehend rechtlich vorgehen".
"Vorwürfe müssen recherchiert werden"
"Die Drohung mit rechtlichen Schritten gegen Journalistinnen und Journalisten ist der Versuch, Medien einen Maulkorb anzulegen", sagte DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall. Verdachtsberichterstattung sei zulässig, solange sie sich an presserechtliche Spielregeln halte und über gesicherte Fakten berichte. Dass sich der Rammstein-Sänger in Schweigen hülle, verhindere Berichterstattung nicht, solange weitere glaubwürdige Informationen vorlägen: "Die Vorwürfe gegen den Frontmann einer der bekanntesten deutschen Bands sind so schwerwiegend, dass sie recherchiert und berichtet werden müssen."
Auch Daniel Drepper, Leiter der Recherchekooperation von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung, bezeichnete das Vorgehen der Kanzlei als "problematisch". "Wir wissen, wie Verdachtsberichterstattung geht", sagte Drepper. "Ich fühle mich nicht eingeschüchtert. Wir haben vorher sauber gearbeitet, arbeiten jetzt sauber und recherchieren weiter." Doch die öffentliche Ankündigung der Anwälte könnte diese Recherchen nun erschweren. Denn sie wirkten "wie eine Drohung für die Frauen, die mit uns sprechen oder noch überlegen, ob sie mit uns sprechen wollen", sagte Drepper weiter. "Und das hat dann natürlich Einfluss auf die Berichterstattung."
Medien wie die Süddeutsche Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung, die Welt am Sonntag und ZEIT ONLINE hatten mit Frauen gesprochen, die sagten, auf Lindemanns Partys vor und nach Konzerten der Band in den vergangenen Jahren gewesen zu sein. Manche berichteten von verstörenden Erfahrungen, andere von Feiern, an denen sie gern teilgenommen hätten. Was die Berichte eint, ist die Aussage, dass Lindemann sich mutmaßlich systematisch Frauen aus der sogenannten Row Zero habe zuführen lassen, einem Bereich gleich vor der Bühne bei Rammstein-Konzerten.
Band hat sich bereits geäußert
In einem ersten Statement hatte die Band mitgeteilt, sie könne ausschließen, "dass sich, was behauptet wird, in unserem Umfeld zugetragen hat".
In einer weiteren Stellungnahme hieß es, die Vorwürfe hätten die Band sehr getroffen, man nehme sie "außerordentlich ernst". Fans sollten sich "vor und hinter der Bühne" sicher fühlen. Zudem bat die Gruppe ihre Anhänger, sich nicht an "öffentlichen Vorverurteilungen jeglicher Art" denen gegenüber zu beteiligen, die Anschuldigungen erhoben hätten. "Sie haben ein Recht auf ihre Sicht der Dinge." Auch die Band habe aber ein Recht, nicht vorverurteilt zu werden.
Verlag kündigt Zusammenarbeit auf
Bereits zuvor hatte der Verlag Kiepenheuer & Witsch die Zusammenarbeit mit Lindemann beendet. Man habe im "Zuge der aktuellen Berichterstattung" Kenntnis von einem Video erlangt, in dem das 2013 bei Kiepenheuer & Witsch erschienene Buch In stillen Nächten eine Rolle spielen soll. Lindemann habe darin Grenzen im Umgang mit Frauen überschritten, teilte der Verlag mit. Man werte dies als "groben Vertrauensbruch und als rücksichtslosen Akt" gegenüber den vom Verlag vertretenen Werten.
Das Video ist 2020 erschienen. Im selben Jahr hat Kiepenheuer & Witsch ein Lindemann-Gedicht über Sex mit einem durch K.-o.-Tropfen außer Gefecht gesetzten Du noch mit Verweis auf die Fiktionalität verteidigt.
Konzerte in München offenbar ohne Row Zero
In München spielen Rammstein in dieser Woche vier Konzerte. Für die Konzerte sind einige Veränderungen angekündigt worden: So sollen sich in der Row Zero keine Gästegruppen mehr befinden.
Das Konzept für die Aftershowpartys sei ebenfalls geändert worden, zitierte die Nachrichtenagentur dpa aus dem Umfeld der Band. Es solle künftig nicht mehr zwei Partys geben – eine große für Fans und Band, eine kleine für Lindemann –, sondern nur noch eine Feier nach den Konzerten. Nach dem ersten Konzert am Mittwoch trafen sich in München demnach Band, Freunde, Angehörige und Fans.
Die Band hat für die Konzerte zudem ein sogenanntes Awarenesskonzept in Auftrag gegeben, also ein Konzept für Achtsamkeit gegen übergriffiges Verhalten. Das dafür zuständige Team sei in München jedoch nicht leicht zu finden gewesen, wie ZEIT-ONLINE-Reporterin Julia Lorenz berichtete.
Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat ein Schreiben der Anwälte von Rammstein-Sänger Till Lindemann kritisiert: Die Juristen wollten damit Medien einschüchtern, die über die Vorwürfe gegen Lindemann berichten und recherchieren.
Die Berliner Anwaltskanzlei Schertz Bergmann, die auf Medien- und Presserecht spezialisiert ist, hatte per Pressemeldung und in einem sogenannten presserechtlichen Informationsschreiben erklärt, die von mehreren Frauen erhobenen Vorhaltungen seien "ausnahmslos unwahr". Man werde wegen sämtlicher Anschuldigungen dieser Art umgehend rechtliche Schritte einleiten.