Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 42/2023. 

Zur besonderen Wirkung des Terrorismus gehört, dass er eine ungewohnte moralische Klarheit in die ansonsten so uneindeutige Welt bringt. Geköpfte Zivilisten und Kinderleichen markieren so eindeutig unschuldige Opfer und böse Täter, dass sich die Frage, auf wessen Seite man steht, von selbst beantwortet muss – durch Mitgefühl. 

Entscheidend ist, wie diese Gefühle politisch wirken. Deutschland gelingt hier gerade das zweifelhafte Kunststück, zugleich unter- und überemotionalisiert zu sein. 

Warum, fragen auch Kommentare in der ZEIT, tauchen nicht mehr Menschen auf den Solidaritätsdemos auf, warum ist die Zahl derer, die den deutschen Imperativ des "Nie wieder" mit ihren Körpern bezeugen, indem sie sich schützend vor Synagogen und Jüdinnen stellen, nicht größer? Es gibt keine Pflicht, Gefühle zu zeigen. Man kann aus Verzweiflung schweigen, aus Zweifel oder Indifferenz. Oder – das ist die Vermutung all jener, die mehr öffentliche Empörung einfordern – aus antisemitischem Ressentiment.

Diejenigen, die über diese öffentliche Gefühlskälte klagen, führen als Vergleich gern den 11. September 2001 an. Die hochemotionale Reaktion der westlichen Öffentlichkeit auf die einstürzenden Türme in New York, die so viel wuchtiger ausfiel aus jetzt. Aber: Was das Politische angeht, taugt der Umgang mit dem 11. September gerade nicht als Vorbild. Sondern als warnendes Beispiel für Überemotionalisierung. 

Denn von der Wut über 9/11, vom Mitgefühl mit den Opfern, führt eine direkte Linie in jene mit Moral aufgepumpte Schwarz-Weiß-Politik der dann folgenden Jahre. Als die tief verwundete USA ein für alle Mal aufräumen wollte mit "Schurkenstaaten" und der "Achse des Bösen". Als der Islam zum neuen Feindbild wurde, weil ja die Attentäter Muslime waren. Als man vom Clash of Civilizations raunte und ihn so wahr werden ließ. Mit den Schäden, die damals angerichtet wurden, hat die Welt noch heute zu kämpfen – vor allem im Nahen und Mittleren Osten. 

Es hat deshalb besonderes Gewicht, dass nun niemand Geringeres als der US-Präsident selbst Israel und den Rest der Welt davor warnt, dem damaligen amerikanischen Beispiel zu folgen. Sich politisch ebenso emotionalisieren zu lassen. Man sei damals wütend gewesen und habe Fehler gemacht, sagte Joe Biden in Israel. "Ich warne: Während Sie die Wut fühlen, lassen Sie sich nicht von ihr verzehren." 

Politisch ist man diese starken Gefühle dann gewissermaßen nicht mehr losgeworden. Sie wurden zum Fluch. Der Versuch, die Welt nach den eindeutigen Mustern von Gut und Böse zu ordnen, die der Terror behauptet, musste scheitern. Und er muss es auch heute.

Kein Land hat mehr Erfahrung darin als Israel, mit dieser Falle umzugehen, die der Terrorismus der demokratischen Politik stellt. Aber auch andere Länder, auch Deutschland, sind davor nicht sicher. Das Bedürfnis nach moralischer Eindeutigkeit droht, die Politik anzustecken.

Pauschale Verbote palästinensischer Demos, wie sie sich jetzt abzeichnen, sind falsch. Auch wenn aus dem Schutz der Menge heraus immer wieder Hamas-Anhänger ihren antisemitischen Hass verbreiten:  Die vielen Gemäßigten, die an diesen Demos teilnehmen, haben ein Recht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit, das geschützt werden muss. Dass Berliner Schulen nach Vorlage des Berliner Senats schon Pali-Halstücher verbieten können, weil diese "den Schulfrieden" gefährden, ist ebenso falsch. Die Schule sollte ein geschützter Raum gerade auch für jene Kinder und Jugendliche sein, die abweichende Meinungen und Gefühle haben.

In beiden Fällen markiert man schon gemäßigte Positionen als böse, weil sie schließlich Spurenelemente des Bösen enthalten könnten: Halstuch und Hamas werden im Überschwang der Gefühle in einen Topf geworfen. 

"Der Terrorismus ist ein gewalttätiger Streit darüber, wie Politik in der Weltgesellschaft funktionieren kann und soll", schreibt der Soziologe Dirk Baecker (PDF). "Die Gesellschaft kann darauf nur reagieren, indem sie die Politik nicht etwa vereindeutigt, sondern optionalisiert." Politik darf sich vom Terror nicht in die Alternativlosigkeit zwingen lassen. Sie muss der perfiden Versuchung widerstehen, in ihrer Antwort auf die unterschiedslose Gewalt selbst keine Unterschiede mehr zu machen. Sie muss genau bleiben. Dabei hilft Nüchternheit mehr als moralischer Furor.