Das russische U-Boot – Seite 1

Der frühere Fernsehjournalist und Buchautor Hubert Seipel steht im Mittelpunkt eines Skandals. Unterlagen aus Zypern, über die der Spiegel und das ZDF berichtet haben, belegen, dass Seipel über eine Briefkastenfirma mindestens 600.000 Euro aus Russland erhalten hat. Grundlage war ein 2018 geschlossener "Sponsorenvertrag". Die Unterlagen gehören zu Finanzinformationen und Verträgen, die Unbekannte beschafft und dem Internationalen Rechercheverbund ICIJ zugespielt hatten, zu dem auch der Spiegel gehört. Letzte Zweifel schwanden, als Seipel die Zahlungen einräumte.

Wer ist Hubert Seipel? Der Journalist hat über Jahre stets eine so eindeutige wie umstrittene, aber legitime Position zu Russland vertreten, er zeigt Verständnis für Wladimir Putin und seine Sicht auf die Welt. Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer haben seine Dokus gesehen und ihm in Talkshows zugehört. Hubert Seipel war eine Autorität. Zehntausende lasen seine Bücher Putin. Innenansichten der Macht (2015) und Putins Macht. Warum Europa Russland braucht (2021), beide erschienen im Verlag Hoffmann und Campe.

"Hubert Seipel war offen, was seine Nähe zu Putin angeht. Er ging damit sehr selbstbewusst um. Zugleich hat er die dunkle Seite von Russland nie mitgesprochen oder gedacht", erinnert sich nun Günter Berg, der Seipels erstes Buch im Verlag Hoffmann und Campe verlegte. Damit sei Seipel aber nicht allein gewesen in Deutschland, sagt Berg, "viele in der SPD dachten bis vor zwei Jahren ähnlich."

Umso mehr stellt sich nun die Frage: Wofür hat Hubert Seipel so viel Geld aus Russland bekommen? Warum hat er es angenommen? Ist der langjährige Journalist bestechlich? Ließ er sich für Kreml-Propaganda bezahlen? Seit wann genau ist Geld an Seipel geflossen? Und stammen die Zahlungen tatsächlich aus dem direkten Umfeld des russischen Präsidenten Wladimir Putin?

ZEIT ONLINE hat Hubert Seipel am gestrigen Dienstag um ein Gespräch zu den Recherchen des Spiegel gebeten. Dieses hat Seipel aus Zeitgründen abgelehnt.

Seipel begleitet Putin über Wochen

Rückblende: Die Jahre 2011 bis 2015 sind der Höhepunkt von Seipels journalistischer Karriere. Es gelingt ihm, Wladimir Putin für den NDR zu porträtieren, den er 2009 erstmals interviewt hatte. Seipel reist wieder nach Russland und trifft Putin. Nicht ein Mal. Nicht zwei Mal. Er begleitet ihn über Wochen. Kein westlicher Journalist ist bis dahin so nah an den russischen Präsidenten herangekommen. Die Dokumentation läuft 2012 in der ARD und ist ein großer Erfolg.

Ein Jahr später dreht Seipel eine Doku zum Krieg in Syrien, und er, der wenige Jahre zuvor weder Russland- noch Nahost-Experte war, bekommt wieder erstaunliche Gesprächspartner vor die Kamera: den russischen Außenminister Sergej Lawrow, den syrischen Machthaber Baschar al-Assad, den damaligen Vermittler der Vereinten Nationen im Syrien-Krieg und ehemaligen UN-Generalsekretär, Kofi Annan.

Wer vermittelte Seipel diese Termine? Jemand aus Russland?

So geht es weiter. 2014 kann Seipel als erster westlicher TV-Journalist den US-amerikanischen Whistleblower Edward Snowden interviewen, nachdem dieser aus Hongkong (wo er sich unter anderem einem Journalisten des Guardian anvertraut hatte) nach Russland geflohen war. Snowden lebt dort bis heute an einem unbekannten Ort, Seipel darf zu ihm. Für sein Interview erhält er später den Deutschen Fernsehpreis.

Noch im selben Jahr, Russland führt inzwischen im Donbass einen Krieg gegen die Ukraine, fährt Seipel wieder zu Putin. Dieser gewährt ein nächstes, langes Interview. Seipel hört darin vor allem zu, gibt Stichworte. Die ARD sendet das Interview Ende 2014 und lädt Seipel danach in eine Talkrunde bei Günther Jauch ein, in der Seipel zusammen mit der damaligen Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen und dem Historiker Heinrich August Winkler über Russland diskutiert. 5,5 Millionen Menschen sehen zu.

Zu Kritik an seiner Interview-Führung sagt Seipel wenig später: "Nur wenn sie die Leute reden lassen, können sie ihre Standpunkte erkennen. Mich interessiert, was ein Wladimir Putin in einem Interview zu erzählen hat, und mir geht es nicht um meine Rolle als tapferer Journalist, der jetzt endlich mal dem Diktator die Meinung geigt."

Das Aufsichtsgremium des NDR, der Rundfunkrat, adelt das Ganze in einer Pressemitteilung: "Die Kombination des sachlich und in ruhiger Tonlage geführten Interviews mit einer Diskussion in kompetent besetzter Runde war der Bedeutung des Themas angemessen. Das Konzept hat uns überzeugt."

Seipel selbst sagt damals noch, er habe das Putin-Interview mit der Redaktion im NDR besprochen, auch der damalige NDR-Intendant habe dem Projekt zugestimmt.

Jetzt schreibt der Spiegel, es gebe in den vorliegenden Unterlagen aus Zypern einen handschriftlichen Hinweis, der nahelege, "dass es einen ähnlichen Vertrag (wie den 'Sponsorenvertrag' Seipels aus dem Jahr 2018, Anm. d. Red.) bereits im Jahr 2013 für eine 'Putin biography' gab".

Seipel hatte seine Unabhängigkeit verkauft

Der NDR ist in all diesen Jahren der Ankerpunkt für Hubert Seipel im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gewesen. Dort hat er seine Dokumentationen angeboten und verkauft. Er hat sich unwidersprochen als "NDR-Autor" bezeichnet und dreht bis 2019 noch weitere Filme für den Sender.

Auch deshalb ist NDR-Intendant Joachim Knuth offenbar alarmiert, als ihn in den vergangenen Tagen erste Informationen zu dem Seipel-Skandal erreichen. Er steht ohnehin einem skandalerschütterten Sender vor.

Knuth hat erst vor eineinhalb Jahren mit einiger Mühe einen Aufstand seiner Mitarbeiter überstanden. Er enthob einen Chefredakteur seines Posten und entzog einer Landesfunkhausdirektorin sein Vertrauen, weil sie untragbar geworden waren. Dann bescheinigte ein von Knuth in Auftrag gegebenes externes Gutachten (PDF) in diesem Frühjahr, die Arbeitskultur im NDR sei ziemlich verbesserungswürdig, Mitarbeiter sagten dem Gutachter: "Entscheidungen werden über uns getroffen. Wir sind die Erfüllungsgehilfen. Wenn es nicht klappt, sind wir schuld." Die Führung sei "abgekoppelt und lebt in ihrer eigenen Welt".

Wieder ein Aufklärer von außen

Nun also der nächste Skandal, dieses Mal um einen prominenten Journalisten, der eng mit dem NDR verbunden ist. Knuth hat als Reaktion darauf wieder einen Aufklärer von außen beauftragt. Es ist der frühere Chefredakteur des Spiegel, Steffen Klusmann. Dieser hat schon den Skandal um den Hochstapler Claas Relotius aufgearbeitet, nachdem herausgekommen war, dass Relotius viele Artikel für den Spiegel in weiten Teilen frei erfunden hatte.

Klusmann soll nun untersuchen, ob der NDR hätte misstrauisch werden müssen angesichts von Seipels Russland-Nähe. Und zu klären wird sein, ob der NDR den Rechercheaufwand, den Seipel betrieb, komplett finanziert hat. Wenn dem nicht so war, hätten die Verantwortlichen im Sender die Frage stellen müssen, woher das Geld für all die Reisen Seipels gekommen ist.

Auch die ZEIT hat in einem Fall mit Seipel gearbeitet. Als er 2021 sein zweites Buch über den russischen Präsidenten geschrieben hatte, veröffentlichte die ZEIT einen Auszug daraus. Seipels Beitrag gehört damals zu einer über viele Wochen andauernden Debatte über das Verhältnis der EU zu Russland, über die Vergiftung des Oppositionellen Alexej Nawalny und über mögliche Sanktionen. Mit dem Auszug hat die ZEIT damals sicherstellen wollen, dass die russische Sicht auf die Welt und auf das Verhältnis zu Deutschland in der Berichterstattung auftaucht.

Seit dem 14. November 2023 und den Enthüllungen von Spiegel und ZDF ist nun bekannt, dass Seipel zum Zeitpunkt dieser Buchveröffentlichung längst Geld aus Russland bekam. Der inzwischen über 70-jährige Journalist hat es nach Information des Spiegels und des ZDF aus einem Firmengeflecht des russischen Oligarchen Alexej Mordaschow erhalten, der als enger Vertrauter Putins gilt.

Hubert Seipel hat damit gegen die Grundregeln des Journalismus verstoßen: Lass dich nicht von denen bezahlen, über die du berichtest! Wahre Distanz! Seipel hat seine Unabhängigkeit verkauft.

"Mir tut das leid, dass sich Seipel so reingeritten hat. Das ist furchtbar. Aber nichts rechtfertigt diesen offenkundigen Hang zur Korrumpierbarkeit. So was kannst Du einfach nicht machen!", urteilt sein früherer Verleger Günter Berg.