Masha Gessen: "Meine Großmutter träumte vom Zionismus"
Ein Gespräch mit der russisch-jüdischen Intellektuellen Masha Gessen über Israel als Sehnsuchtsort und die Frage, warum es im linken Milieu bei Antisemitismus an moralischer Klarheit fehlt
DIE ZEIT: Masha Gessen, Sie erhalten am Freitag den
renommierten Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken. Was bedeutet Arendt,
die jüdische Philosophin, für Sie in diesen Tagen?
Masha
Gessen: Das Wichtige an Hannah Arendt ist für mich heute mehr denn je, dass sie
eine Zionistin war – in einer Welt, in der es Israel noch nicht gab. Der
Zionismus war eine Bewegung, deren Ziel es war, Juden in Sicherheit zu bringen.
Und Arendt war damals eine echte zionistische Aktivistin.
ZEIT:
In der NS-Zeit, für Arendt Jahre der Emigration, arbeitete sie für die jüdische
Flüchtlingshilfe und brachte Kinder und Jugendliche nach Palästina. Am Ende
sind es wohl mehrere Hundert jüdische Mädchen und Jungen gewesen, denen sie die
Flucht ermöglichte.