Regelmäßig werfen Vermögensstudien einen desillusionierenden Blick auf unsere Gesellschaft: Auf zehn Prozent der deutschen Haushalte entfallen sechzig Prozent des Vermögens. Beinahe zehn Prozent der Bevölkerung haben "negative Vermögen", wie es im Ökonomen-Deutsch heißt: Sie sind verschuldet. Wenn Besitz so ungleich verteilt ist, und es einem Drittel der Bevölkerung an Vermögen mangelt, wäre es doch das Beste, Vermögen neu zu verteilen. Früher lautete die Devise: Steuern hoch! Das war nicht sonderlich populär unter denen, die viel verdienten und noch mehr erbten. Nicht wenige Linke setzen deswegen auf eine neue Idee: das Erbe für alle.
Der französische Ökonom Thomas Piketty hat den passenden Vorschlag. Im Alter von 25 Jahren soll seiner Vorstellung nach jeder Franzose 120.000 Euro erhalten, das entspräche 60 Prozent des durchschnittlichen Erbes in Frankreich. Man muss hier einkalkulieren, dass die Hälfte der französischen Bevölkerung überhaupt nichts erbt, um zu erkennen, wie groß die tatsächlich vererbten Vermögen sind.
Linke Umverteilungsträume werden gewöhnlich mit der Begründung zurückgewiesen, sie seien nicht zu finanzieren. Piketty ist immerhin Ökonom. Wenn sonst von sozialem Ausgleich die Rede ist, wird die Debatte stets auf diejenigen gelenkt, denen etwas genommen werden soll. Hier soll jeder etwas erhalten. Gegenfinanziert werden soll dieser Vorschlag durch eine Vermögens- und Erbschaftssteuer. Man nimmt den Reichen und gibt es den Armen – Piketty als Robin Hood. Allerdings mit einem Trost für die armen Reichen: Natürlich würde ihnen etwas genommen, aber sie erhielten auch etwas, eben das Erbe für alle.
In Deutschland griffen etwa die Jusos den Vorschlag auf. Sie diskutierten ein sogenanntes Grunderbe in Höhe von 60.000 Euro. Der Begriff "Grunderbe" verweist auf die Debatte um das Grundeinkommen: Statt eines monatlichen Grundeinkommens für alle fällt das Erbe einmalig zu. Womöglich soll das Grunderbe so das Problem lösen, das in den Debatten um das Grundeinkommen am häufigsten auftaucht: Wer würde denn arbeiten, wenn er monatlich ein auskömmliches Einkommen erhielte? (Die Schriftsteller und die bildende Künstlerin. Doch gälte dasselbe für Spargelstecher und Busfahrerinnen?)
Etwas bescheidener ist die Stiftung Ein Erbe für jeden; sie verlost jährlich probehalber 20.000 Euro an drei Dreißigjährige. Immerhin könnte sie so langfristig "Studiendaten" sammeln: Was bewirkt solch ein einmaliges "Erbe", der Kapitalschub für die glücklichen Erben, tatsächlich? Zeigen sich langfristig positive Effekte für die Vermögensentwicklung? Sind die Erben glücklicher als zuvor?
Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich wirft nicht nur in Deutschland grundsätzliche Gerechtigkeitsfragen auf. Dabei konzentrieren Vermögen sich nicht nur auf eine Schicht, sondern auf immer weniger Individuen: Einer aktuellen Oxfam-Studie zufolge haben die fünf reichsten Männer der Welt ihr Vermögen seit 2020 verdoppelt. Es handelt sich hierbei auch um einen Effekt Corona-Pandemie, da Regierungen weltweit Milliarden in ihre Volkswirtschaften pumpen mussten, um diese am Leben zu erhalten. Diese Entscheidung war volkswirtschaftlich richtig; das Geld landete allerdings unmittelbar in den Taschen der Superreichen, während die Staatsschulden stiegen und die Ärmsten weiter verarmten.
Angesichts von Milliardensummen in den Händen der happy few wäre zu fragen, ob ein Grunderbe oder Erbe für alle nicht doch nur ein Trostpflaster ist. Oder sogar kontraproduktiv. Doch fangen wir zunächst mit den offensichtlichen Problemen an: Es gibt einen Stichtag X, an dem allen ein Erbe zufällt – außer jenen, die bereits älter sind. Obendrein müsste die Mehrheit der Menschen, die nicht von solch einem Grunderbe profitierten, einer Minderheit von jungen Menschen ein solches zukommen lassen, also radikal gegen die eigenen Interessen stimmen. Und es gäbe da noch das Problem der Gegenfinanzierung: Diejenigen, die derzeit von ererbten Vermögen und einer fehlenden Vermögenssteuer profitieren, müssten für eine Vermögenssteuer und eine wirksame Erbschaftssteuer stimmen, um ein Erbe für alle zu ermöglichen. Wie wahrscheinlich wäre das?