In der Serie "Politisch motiviert" ergründen unsere Autorinnen und Autoren politische Themen der Woche. Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 34/2024.
Es wird immer schwierig, wenn einzelne Menschen behaupten, sie sprächen für nahezu alle anderen. Ausnahmen gibt es: Als zum Beispiel Wolfgang Petry in den seligen Neunzigerjahren sang "Ihr seid das Ruhrgebiet – und das Ruhrgebiet bin ich", da mochte ihm so recht niemand widersprechen. Zu einleuchtend erschien, dass ein schnauzbärtiger Schlagerbarde eine Region ist, die in diesem Moment nach den letzten großen Zechenschließungen und während der Demontage der Stahlindustrie nicht mehr viel hatte außer ihrer sozialverbindenden Schnauzbärtigkeit. Auch linke Lehrerinnen und konservative Kapitalistensöhne wippten da gehörig mit dem Fuß.
Anderswo wird es schon schwieriger: Als bei Pegida wenige Tausend Menschen riefen "Wir sind das Volk", hatten nicht nur im fernen Westdeutschland viele Leute gewisse Zweifel. Und wenn auch in den jetzigen Wahlkämpfen immer wieder Politikerinnen für sich in Anspruch nehmen, "die Menschen" (von denen zum Beispiel der sächsische CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer gerne spricht) besser zu kennen als viele Menschen sich selbst, löst das Störgefühle aus, rechts wie links. Denn was weiß denn ein Mensch, noch dazu ein privilegierter, von den Nöten all der anderen?
Dabei gibt es natürlich ein Bild von "den Menschen", das politisch-propagandistisch jederzeit abrufbar ist. Es korrespondiert mit einem Bild der sogenannten einfachen Leute, das auch die SPD jahrzehntelang gestärkt hat: Diese Leute haben eine abgeschlossene Ausbildung, aber keinen Universitätsabschluss, sie sind fleißig, hegen aber keine größeren Führungsambitionen. Sie haben keine Zeit für ökologische Spinnereien, aber ein sozialpartnerschaftlich großes Verständnis für Unternehmer, die ihnen keinen Mindestlohn zahlen wollen. Der Gedanke, dass es sonst gleich gar keine Jobs mehr gibt, hat ihnen über Jahrzehnte ebenso eingeleuchtet, wie ihnen nun intuitiv der Gedanke einleuchtet, dass die Schwäche der Wirtschaft allein auf die ökologische Transformation zurückzuführen ist. Dass es auch am Arbeitskräftemangel und der demografischen Situation liegen könnte, sehen sie nicht, und folglich auch nicht, dass Zuwanderung ein großer Teil der Lösung wäre.
Im derzeit überhitzten Diskursraum ist diejenige, die all das anders sieht, gar kein Mensch mehr, den es einzubeziehen gilt, sondern wahlweise Teil einer urbanen Elite, Insassin eines akademischen Elfenbeinturms oder schlicht wohlstandsverwahrloste Göre, die zum Bruttoinlandsprodukt nichts beiträgt und nur sinnlos Fördergelder für woken Genderwahnsinn abgreift. Unter Umständen ist sie auch eine sogenannte Hartz-IV-Versagerin oder Teil einer jungen Generation, die – zumindest im Rahmen dieser Rhetorik – sofort einen Nervenzusammenbruch kriegt, wenn sie eine Eisenstange oder einen Stapel Akten von A nach B tragen soll. Man sieht: In identitätspolitisch aufgeladenen Situationen wird der Korridor des Menschseins sehr schmal in diesem Land der kleinen Leute.
Die Frage ist nun, ob es falsch ist, Politik für kleine Leute machen zu wollen, und es ist natürlich nicht falsch. Es ist auch taktisch verständlich, in der Rhetorik grobe Schnitte zu machen, zumal im Wahlkampf. Und so ist es dann wie bei Wolfgang Petry: Wenn genug Leute, kleine oder große, zu den Refrains mit dem Fuß wippen, ist es völlig egal, ob sie das im SUV auf dem Weg zu ihrer Pferderanch tun oder tatsächlich im Smart eines Pflegedienstes, in dem die kleinen Leute in dieser Wahlkampffiktion ständig durch die Weiten Brandenburgs hetzen. Klein ist, wer sich klein fühlt – das hat vor allen anderen die AfD bestens verstanden.
Soziologisch wird es da schon schwieriger. Nicht zuletzt durch den politischen Willen der Sozialdemokratie ist der Anteil der Akademikerinnen und Abiturienten an der Gesamtbevölkerung in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen. Seit bald 15 Jahren beginnt die Mehrheit eines Geburtsjahrgangs ein Hochschulstudium. In der Gesamtbevölkerung verändert sich die Akademikerquote aufgrund der Demografie zwar weniger rasant, aber es ist interessant, wie politische Rhetorik immer wieder an gesellschaftlichen Realitäten vorbeizielt. Auch in Fragen des Wohnorts: Dass fast 80 Prozent der Deutschen in Ballungsräumen leben, ist zwar ein Faktum, das mit Vorsicht zu verwenden ist angesichts der Tatsache, dass es auch in urbanisierten Regionen Infrastrukturprobleme gibt und gerade dort alle möglichen Formen von Abgehängtsein. Dass aber das wahre Deutschland nur fernab der Zentren existiert, wird auch dann nicht wahrer, wenn jeder Agrarunternehmer und jeder ländliche Spediteur seinen gesamten Fuhrpark wochenweise in Berlin vors Brandenburger Tor stellt.
Man könnte sich nun noch in
allerhand Diffusionen verlieren, auch dahingehend, dass nicht jedes
Hochschulstudium zu mehr Reichtum einerseits und weniger materieller
Wertschöpfung andererseits führt und also zum Beispiel die bäuerlich-völkische
Fiktion, dass ein ländlicher Nährstand eine abgehobene urbane Elite
durchfüttert, mindestens mal diskutabel ist. Man gerät dann aber ganz schnell
auf jene schiefe Bahn, auf der alle Mitglieder einer Gesellschaft ihren
konkreten Nutzen für sie nachweisen müssen, um nicht ganz abzurutschen und
irgendwann gar mit dem Entzug bürgerlicher Rechte bedroht zu werden, wenn sie
aus Sicht zu vieler zu wenig leisten.
Eher ließe sich für ein neues Selbstbewusstsein werben, auch und gerade in der Politik: Alle, die dort Woche für Woche 50 Arbeitsstunden und mehr abreißen, müssen sich nicht von selbst gefühlten kleinen Leuten als kleptokratische Müßiggänger verunglimpfen lassen. Auch sie sind "die Menschen", und andere Menschen würden ihnen das eventuell eher glauben, wenn sie selbstbewusst – wie jetzt in den USA Kamala Harris und Tim Walz – dazu stünden. Fürs Erste wäre es aber schon schön, politische Protagonistinnen würden selbst aufhören, Woche für Woche an einem großen Bild der kleinen Leute zu malen.