Ungeduldig traktiert der Mann mit seinem Messer den verschnürten, packpapierfarbenen Umschlag. Löst die Schnur. Stößt die Spitze hinein, schlitzt ihn auf – und zieht seinen Inhalt mit zitternden Händen heraus: einen Bilderrahmen, in dem sich eine hinter Glas gepresste Blüte befindet. Genau wie in den 43 Jahren zuvor, immer am Tage seines Geburtstags.

Prüfend hält Hendrik Vanger (Sven-Bertil Taube), den Rahmen gegen das seitlich, zwischen schweren, halb geöffneten Vorhängen hereindringende Licht, in dem Millionen feinster Staubpartikel tanzen. Die Tonspur scheint die nun eingetretene Stille förmlich zu atmen, endlos lange Sekunden, die anschwellen zu einem Druck, der einen anschließend 150 Minuten lang nicht mehr loslässt.

Es ist Vangers 82. Geburtstag. Seine Lieblingsnichte Harriet hatte ihm 1958 zum ersten Mal ein derartiges Geschenk gemacht, eine hinter Glas gepresste Blume. Doch dann, während eines Familientreffens, verschwand sie spurlos. Ihr Leichnam wurde nie gefunden.

Von der ersten Sekunde an ist die Szenerie in ein monochromes Blau getaucht, und die Spannung im Raum ist mit Händen zu greifen. Eric Kress’ Kamera nähert sich langsam und mit großer Ruhe Sven-Bertil Taubes zerfurchtem Gesicht, nimmt es regelrecht in der Enge des Bildausschnitts gefangen. Der Startschuss zu Niels Arden Oplevs furioser, 152-minütiger Leinwandadaption von Stieg Larssons Roman Verblendung fällt mit elektrisierender Lautlosigkeit. Was folgt, ist eine raumgreifende Meditation über investigativen Journalismus – inszeniert als finster-faszinierende Vivisektion eines monströsen, vielköpfigen Familienkörpers, der an allen Ecken und Enden stinkt - denn Henrik Vanger bittet den renommierten Journalisten Mikael Blomqvist (Michael Nyqvist), einen letzten Versuch zu unternehmen, das Verschwinden seiner Nichte aus dem höchst einflussreichen Vanger-Clan vor mehr als 40 Jahren zu erklären.

Dass Blomqvist bei seinem Vorhaben überraschend Unterstützung durch die ebenso zielstrebig wie kompromisslos handelnde Lisbeth Salander (Noomi Rapace) erhält   –  eine moderne, am Asperger-Syndrom leidende Pippi Langstrumpf, die über geradezu geniale Fähigkeiten als Computer-Hackerin und Rechercheurin verfügt  –  bereichert die Geschichte um eine weitere, hochintressante Facette menschlichen Seins und Handelns. Was als Versuch einer minutiösen Rekonstruktion der Ereignisse vor mehr als vierzig Jahren beginnt, wird zu einer Chronik immer neuer grausamer Enthüllungen.

Soweit das, was sich im ersten Teil der in drei Bänden vorliegenden Millenium-Trilogie des 2004, an den Folgen eines Herzinfarkts verstorbenen schwedischen Autors Stieg Larsson problemlos nachlesen lässt. Larssons Romane avancierten seinerzeit binnen Kurzem zu internationalen Bestsellern mit einer Gesamtauflage von mehr als 15 Millionen verkaufter Exemplare, und es war nur eine Frage der Zeit, wann das Ganze auf der Kinoleinwand zu begutachten sein würde. 

Das, was der Däne Niels Arden Oplev nach der Vorlage des ersten Bandes der Trilogie, des Romans Verblendung, schuf und was von Donnerstag an in den deutschen Kinos läuft, ist, soviel vorab, großes, nahezu perfekt inszeniertes Gefühlskino; ein Thriller der Extraklasse, der einmal mehr eindrucksvoll demonstriert, zu welchen Großtaten dänische und schwedische Filmschaffende seit geraumer Zeit fähig sind. Was Oplev, der seine Karriere 1996 mit dem Spielfilm Portland begann, aus Larssons Vorlage macht, ist so etwas wie die filmische Quadratur des Kreises: ein Kunstwerk besonderer Art, das mit geradezu irrwitziger Detailtreue seiner Vorlage folgt. Zugleich frönt es aber konsequent seiner eigenen Arithmetik, einem Erzählen, das seine Bilder wie Schockwellen in das Bewusstsein des Zuschauers sendet, das virtuos mit seinen Tempi spielt –  und am Ende die Geschichte zweier Einzelkämpfer erzählt, deren Credo wechselweise zu lauten scheint: Nicht mit Dir, und nicht ohne Dich! Immer enger zieht Oplev seine Protagonisten Blomkvist und Salander auf ihrer Suche nach der Wahrheit zusammen. Bis beide – hier die genialische Autistin, dort der unbestechliche Moralist –  zu den einander entsprechenden Seiten ein- und derselben Medaille verschmelzen: zu einer Art Tagundnachtgleichen, bei welcher die eine ohne den anderen nicht zu existieren scheint – und umgekehrt.