Als Christopher Walken den Preis für sein Lebenswerk in Marrakesch erhielt, war das große Kino neben einem Luxushotel mit 500 Personen bis auf den letzten Platz besetzt. Die Laudatio auf amerikanischen Schauspieler hielt das Jurymitglied Fanny Ardant. "Ich wünsche mir", sagte sie, "ich wäre seine Tochter, seine Freundin, seine Geliebte und seine Mutter." Sie bittet Walken auf die Bühne, er nimmt den Preis, bedankt sich, und beide marschieren wieder hinter den Vorhang. Zehn Minuten dauerte das Ganze. Dann soll der chinesische Wettbewerbsfilm Chengdu, I love you gezeigt werden. Bis auf 15 Zuschauer verlassen alle den Saal. Das 9. Filmfestival in Marrakesch ist zuweilen eine verwirrende Angelegenheit.

Am nächsten Tag bekommt Walken erneut einen Preis. Diesmal auf dem zentralen Platz im Zentrum Marrakeschs, der Djemaa El Fna. Es wird Abend über dem Marktplatz: Tausende Marokkaner und Touristen essen hier und handeln, Motorräder rasen durch die Menge, es gibt Teppiche, Nüsse, Früchte, Schlangenbeschwörer, Musik und ein paar kleine Prügeleien. Verschleierte Frauen wandeln wie Geister im Menschenstrom. Auf zwei riesigen Leinwänden laufen Werbespots für Luxusautos und ein paar Kurzfilme. Über ihnen ruft der Muezzin das Abendgebet. Christopher Walken bekommt noch einmal denselben Preis und wirkt sichtlich irritiert, ringt geradezu um Worte, schaut in die Menge, die sich vor der Bühne drängt. "Danke fürs Kommen", sagt er und überlegt, was er noch sagen könnte, erhebt die Hände Richtung Publikum und sagt schließlich: "Wow!"

Man stelle sich vor! Wie käme das wohl bei den Oscars an, der Berlinale oder in Cannes? Der Star tritt auf die Bühne und sagt: Danke fürs Kommen.

Wow.

Das Festival in Marrakesch ist untrennbar mit der Stadt verbunden. Und so flimmert alles zwischen Extremen: Hier das Luxushotel der Gäste und Filmschaffenden, dort die barfüßige Armut in den dunklen Gassen. Einerseits dreht und wendet man die Frage nach den Regeln der Kunst, andererseits, unten auf der Straße, windet sich das Leben nach den Regeln der Religion.

Am nächsten Tag wird der mexikanische Wettbewerbsfilm Northless gezeigt, in dem der junge Mexikaner Andres in einem kleinen Dorf an der Grenze wartet, in die USA flüchten zu können. Wieder ist dafür das größte Kino reserviert. Wieder sitzen etwa 50 Personen in dem Film, von denen zehn während der Vorführung den Saal verlassen.

Über das aktuelle 9. Filmfestival sagte dessen Direktorin Melita Toscan Du Plantier, "dass das Publikum jeden Kontinent besuchen kann und mehr als 25 Länder". Möglich sei dies "durch die universelle Sprache des Kinos". Und dann ist es auch noch unzensiert. Das klingt toll. Und was ist, wenn niemand hingeht?