Der Eröffnungsfilm bestimmt den Rhythmus eines Kinofestivals. Im vergangenen Jahr begann die Berlinale mit Tom Tykwers Action-Reißer The International, 2008 war es das opulente Edith-Piaf-Musical La Vie en rose. Im Jubiläumsjahr 2010 ist das Leben grau. Ein Schleier liegt über Shanghai, dem Schauplatz von Wang Quan'ans Tuan Yuan (Apart Together). Der chinesische Regisseur, der vor drei Jahren den Goldenen Bären für Tuyas Hochzeit bekam, hat dem Festival nun wieder ein besonderes Geschenk gemacht. 

Wangs Filme wirken mit Verzögerung auf den Zuschauer. Fern hollywoodesker Romantik und Sentimentalität erzählt der 1965 geborene Regisseur fast beiläufig von der Liebe, von Entscheidungen und den gesellschaftlichen Zwängen seiner Helden.

Wie in Tuyas Hochzeit steht auch diesmal eine Frau zwischen zwei Männern. Nach mehr als 50 Jahren kehrt der ehemalige Soldat Yansheng in seine Heimat Shanghai zurück. Während des chinesischen Bürgerkriegs musste er als Kämpfer gegen die Rote Armee nach Taiwan fliehen und seine Geliebte Yu'e, die ein Kind von ihm erwartete, zurücklassen.

Chinesischer Film - Interview mit dem Regisseur Wang Quan'an Der Regisseur von "Tuyas Hochzeit" und "Apart Together" über Alter, Liebe und den chinesischen Film.

Yu'e ist inzwischen Großmutter, aber als ihr Yansheng wieder gegenübersteht, zeigt sich, dass ihre Gefühle noch die der jungen Frau von damals sind. Yu'es Ehemann Shenmin nimmt den ehemaligen Geliebten seiner Frau mit großer Gastfreundschaft auf, auch wenn er weiß, dass seine Position gefährdet ist. Und tatsächlich: Yansheng ist gekommen, um Yu'e mit nach Taiwan zu nehmen. Als die Liebenden den Ehemann mit der Situation konfrontieren, willigt dieser – zur Überraschung des Publikums – sofort ein, seine Ehefrau ziehen zu lassen.

"Männer haben nicht so viel Weisheit in emotionalen Dingen wie Frauen", sagt der Regisseur Wang in der anschließenden Pressekonferenz. Sein eigener Film straft ihn Lügen. Hier sind es die beiden Männer, die ihre Gefühle ausdrücken.

Sie tun es durch feines Essen. Zu Ehren des Gastes kauft der sonst sparsame Ehemann die größten und teuersten Krebse, die es auf dem Markt gibt. Yu'en schilt ihn dafür, ist aber gleichzeitig gerührt von seiner Geste. Als sie das erste Tier ins kochende Wasser wirft, schlägt es im Todeskampf gegen den Kochtopf. Ein Geräusch der Verzweiflung, das die zurückgehaltenen Emotionen der Eheleute aufbrechen lässt. Später wird Yansheng, der Gast, ein Festmahl bereiten. Es heißt Der Buddha, der über die Mauer springt, nach seinen Worten "die Königin unter den Suppen". Beide Mahlzeiten haben eine schwerwiegende Entscheidung zur Folge und beide Male muss sie nicht ausgesprochen werden. Sie steht in den Gesichtern der drei Menschen geschrieben.

Am liebsten, sagt Wang, hätte er seinen Film als Kammerstück inszeniert, das sich nur um den Esstisch dreht. Er hätte es bedenkenlos tun können, denn die stärksten Szenen von Apart Together spielen sich genau an diesem Tisch ab. Wie auf einem Triptychon sitzt Yu'e in der Mitte, flankiert von den beiden Männern ihres Lebens. Sie verteilt Reiswein, die Männer schieben sich gegenseitig die Leckerbissen in die Essschalen.