Am Ende kommt Gott, Vorname Karel, und dann hat man es bald hinter sich. Bis zu seinem Lied von Biene Maja sind knapp 90 Minuten vergangen. Weit davor steht die Frage, warum Bernd Eichinger nach der Lektüre von Bushidos Biografie nicht milde gelächelt, sondern seinen Freund Uli Edel aufgesucht hat. Gemeinsam hatten sie zuvor den Baader-Meinhof-Komplex zum Rebellenepos verkitscht, seither gelten sie als Spezialisten fürs deutsche Zeitgeschehen. Ein Teil davon sei eben auch Bushido, fand Eichinger, und das hat offenbar gereicht, um das bestsellergewordene Leben des Rappers nun ins Kino zu bringen. "Authentisch, provokant und radikal" soll der Film sein. Titel: Zeiten ändern dich. In der Hauptrolle: Bushido selbst.

Anis Ferchichi, wie Bushido bürgerlich heißt, ist der wohl prominenteste Vertreter des deutschen Stinkefinger-Hip-Hops. Sohn eines Tunesiers und einer Deutschen, kleinbürgerliche Kindheit, verrufene Gegend, aber Gymnasium. Mal beschimpfte ihn der Boulevard als Skandalrapper, mal verteufelte ihn das Feuilleton als pornografisch, homophob und gewaltverherrlichend. Inzwischen sitzt er auch des Öfteren bei Kerner, durchaus charmant neben Mario Barth oder Senta Berger. In seinen Texten geht's meist zur Sache. Die Drogen, die Schläge, die Gangs, die Straße, der Bordstein und die Nutten, denen da bloß staunend die Beine offenstehen. Legenden sagen, er habe mehrere hundert Frauen in einem Jahr beglückt. Soweit zur Biografie.

Deren nichtjugendfreie Episoden verschweigt Eichingers Film weitgehend. Die dunklen Seiten, die Empörung über Bushidos Schaffen werden allenfalls am Rande gezeigt, in rasch geschnittenen Nachrichten und Meldungen über den Gemütszustand unserer Kinder, die kreischend zu den Konzerten strömen. Als tiefergelegtes Sozialdrama könnte Zeiten ändern Dich durchgehen: ein Vater-Sohn-Konflikt, eine Liebschaft mit einem Mädchen aus besserem Hause, die Polizei kommt auch mal vorbei, bald auch der Jugendrichter. Im Streit mit der Plattenfirma muss der Araber im dunklen Mercedes helfen. Das Feld der Integration und Migration wird ansonsten weiträumig umfahren. Dass die Ballade vom Aufstieg eines Jungen zum Hip-Hop-Star vielleicht langweiliger ist, als Bushido glaubt, kann man soweit hinnehmen. Doch Eichinger und Edel machen daraus ein allzu müdes Kleinbürgertheater, in dem auch der geladenen Schauspielerprominenz (Katja Flint, Uwe Ochsenknecht, Moritz Bleibtreu) nichts Weiteres bleibt, als wie trübe Tassen in den Kulissen herumzulungern.

Ein paar Raufereien, ein bisschen Dealen, ein, zwei Kamerafahrten entlang urbanem Waschbeton genügen Eichinger und Edel als Blick auf jene Gesellschaft, in der Schwäche uncool und "schwul" das schlimmste Schimpfwort ist. In deren Mitte steht als gütiger Fels Bushidos Mutter (Hannelore Elsner). Sie leiht ihrem Sohn das Startkapital für die Dealerkarriere und kauft ihm das erste Mischpult. Ohne jene Muttivation trüge Bushido heute vermutlich nicht sein gusseisernes Mantra in die Welt, das da lautet: Stolz, Ehre, Respekt!

Als Akt der Selbstbehauptung erweist sich auch der Film selbst. "Ich mach das, damit alle wissen, dass ich da war", sagt Bushido an einer Stelle, und das ist durchaus programmatisch zu verstehen: Jetzt hat man eben diesen Film gemacht, dessen sparsame Handlung mit hölzernen Dialogen und lauwarmem Pathos verfugt wird. Höhepunktlos scheucht er von Szene zu Szene, in denen der Hauptdarsteller mechanisch seinen Text aufsagt und knopfäugig in die Kamera guckt, damit auch ja alles wie ein Dummerjungenstreich aussieht, falls überhaupt mal etwas passiert – gleichviel, ob er im Knast singt, seiner Freundin eine scheuert oder Kumpels zum Gangbang in den Tourbus einladen. Alles krass, alles aber auch egal. Aus dem Off steuert Bushido noch Geistreiches zur Lage bei, etwa: "Ich war gefickt." So sieht's leider aus.

Zum Schluss kommt es zur großen Versöhnung am Brandenburger Tor, mit sich und der Welt, die ihn mal konnte. Der reuige Vater wird aus Düsseldorf angekarrt und umarmt, eine alte Schulkameradin bekommt ein paar Scheine für den nächsten Rausch, die versnobte Ex-Freundin steht winkend im Publikum. Und auch die Öffentlichkeit soll spätestens jetzt begriffen haben, dass Bushido nicht das obszöne Asphaltmännchen ist, sondern ein verspießter Durchschnittsjunge. Mit Stolz, Ehre, Mutti und Träumen. Im Grunde ist das die hohle Botschaft dieses hohlen Films. Als wollten Bushido, Edel und Eichinger uns zurufen: Wovor habt ihr jahrelang Angst gehabt? Fragen wir uns auch. Das minderjährige Publikum jubelt, Mutti steht fröhlich am Rand, Vati weint, und dann kommt endlich Karel Gott. So gesehen: Alles gut.