Die 60 ist eine glücksbringende Zahl in China. "Wenn man 60 Jahre alt wird, hat man einen Lebenszyklus abgeschlossen. Es erfolgt eine Wiedergeburt", sagt der chinesische Regisseur Wang Quan’an. Die Berlinale in ihrem 60. Jahr bedeutet für ihn ein neugeborenes, dynamisches Festival.

Das chinesische Kino hat eine lange Tradition auf den Filmfestspielen, und im Jubiläumsjahr erfährt es eine besondere Huldigung. Zwei Mal schon hat ein chinesischer Film den Goldenen Bären gewonnen, Zhang Yimou 1988 für Das rote Kornfeld und Wang Quan’an 2007 für Tuyas Hochzeit. Beide Regisseure sind auch in diesem Jahr im Wettbewerb vertreten, Wang Quan’an eröffnete sogar das Festival. Zahlreiche weitere chinesische Produktionen – vom Kinderfilm bis zum Martial-Arts-Spektakel – sind auch in den anderen Festival-Reihen vertreten. 

Wie sieht der chinesische Film der Gegenwart aus? Darauf eine einheitliche Antwort zu finden, ist unmöglich angesichts eines Landes mit 1,3 Milliarden Einwohnern, das sich in den letzten Jahrzehnten so rasant verändert hat wie kaum ein anderes. Allein seit Ende der Kulturrevolution Mitte der siebziger Jahre wurden schon mehrere Generationen von Filmemachern ausgerufen. Die sogenannte fünfte Generation, zu der auch Zhang Yimou zählt, hat die Kulturrevolution noch selbst erfahren. Sie hatte einen schweren Start. Im Jahr 1978 gab es eine einzige Filmhochschule im Land. Die Regisseure arbeiteten aus materieller Not häufig im Kollektiv und kritisierten in ihren Filmen die Kulturrevolution. Eine Kritik, die damals von der politischen Führung sogar gewünscht war. 

Die sechste Generation, der Wang Quan’an angehört, ist eine der Individualisten. Sie dokumentiert die Übergangszeit Chinas, den Spagat zwischen Kommunismus und Turbokapitalismus. Die neue, siebte Generation der Filmer ist schon im Technologiezeitalter aufgewachsen. Sie hat sowohl technisch als auch gesellschaftlich die größten Freiheiten im bisherigen chinesischen Kino. 

Auf der Berlinale sind alle drei Generationen vertreten. Der "Altmeister" Zhang Yimou präsentiert ein Slapstick-Remake des ersten Coen-Brüder-Films Blood Simple, Wang Quan’an erzählt eine Dreiecksgeschichte unter Achtzigjährigen im modernen Schanghai und die Filmemacherin Yang Rui porträtiert ein fast archaisches, vom Fortschritt vergessenes Dorf in Südchina. Und dann gibt es natürlich noch den Schauspieler und Produzenten Jackie Chan, der in Little Big Soldier als schelmischer Soldat im Jahre 227 vor Christus lustige Kämpfe in scheppernden Uniformen vorführt. 

Doch wo ist das politische Kino? Auf dieser Berlinale ist es nur auf den zweiten Blick zu sehen. Die Kritik an den herrschenden Verhältnissen manifestiert sich eher in der Bildsprache als durch Dialoge oder die Handlung selbst. Im Eröffnungsfilm Apart Together sind es die alten, mit Wäscheleinen verzierten Gassen Schanghais, die von glänzenden Bürotürmen umzingelt sind. Ein Schutzraum vor der Gesellschaft, dem Überlebenskampf auf der Straße, vielleicht auch der staatlichen Überwachung – dieses Thema kommt in vielen chinesischen Filmen auf der Berlinale vor. Ebenso die Darstellung sozialer Ungerechtigkeit: Amphetamine, der in den Hochhausschluchten Hongkongs spielt, zeigt, wie ungleich der knappe Wohnraum in dieser Metropole verteilt ist: Während der arme Schwimmtrainer Kafka in einer düsteren Vier-Quadratmeter-Parzelle haust, residiert sein Freund Daniel in einem Hochhaus-Apartment der Luxusklasse mit Sauna und Schwimmbad.