Wenn im Vorspann eines Films behauptet wird, er beruhe auf einer wahren Geschichte, ist stets erhöhte Aufmerksamkeit angebracht. Nicht dafür, dass im Spielfilm Tatsachen dargestellt werden, sondern wie dies geschieht. Nicht auf die Übereinstimmung mit den zugrunde liegenden Fakten, sondern darauf, wie von ihnen abgewichen wird und warum.

Veit Harlans Jud Süß (1939/40), Lieblingsprojekt des Nazipropagandaministers Joseph Goebbels, trägt vorneweg die Zeile: "Die im Film geschilderten Ereignisse beruhen auf geschichtlichen Tatsachen." Tatsächlich beschäftigte der württembergische Herzog Karl Alexander in den Dreißigerjahren des 18. Jahrhunderts einen jüdischen Kaufmann namens Joseph Süß Oppenheimer, der als "Finanzsenat" am Hof zu seinem engsten politischen Berater aufstieg. Nach dem Tod des Herzogs wurde er 1738 gehenkt.

Veit Harlan machte aus dem historischen Stoff keinen subtil manipulativen antisemitischen Propagandafilm, sondern ein Hetzwerk mit unmissverständlicher Aufforderung zur ultimativen Vertreibung und Auslöschung der Juden. Millionen Deutsche verstanden den Film damals sicher richtig – ebenso die SS-Wachmannschaften in den KZs, denen der Film zur Aufrechterhaltung der Moral der Truppe vorgeführt wurde.

Oskar RoehlersJud Süß – Film ohne Gewissen, der die Entstehungsbedingungen und Folgen des perfidesten Nazifilms auf seine Weise untersucht, braucht das Insert im Vorspann nicht: Die historische Tatsache des Films Jud Süß ist bekannt. Einige Szenen sind unmittelbar dem bis heute nicht frei verkäuflichen und bei Vorführungen nur mit wissenschaftlicher Einordnung begleiteten Film entnommen, in andere sind die Köpfe der Roehler-Schauspieler digital einkopiert, dritte wiederum sind insgesamt sorgfältig nachgestellt.

Doch eine spannende Geschichtsstunde, wie sie von dem gerne psychologisch und visuell grell zuspitzenden Oskar Roehler zu erwarten gewesen wäre, ist sein nachempfundenes Jud Süß-Making-of nicht. Sondern ein Stück (Film-)Geschichtsfälschung. Unter Roehler wandelt sich der österreichische Jud Süß-Hauptdarsteller Ferdinand Marian vom Mittäter der nationalsozialistischen Propagandaindustrie zu deren Opfer.

Bereits im Vorfeld hatte der Medienwissenschaftler Friedrich Knilli, Verfasser der Biografie Ich war Jud Süß. Die Geschichte des Filmstars Ferdinand Marian (das 2000 erschienene Buch wurde soeben bei Henschel neu aufgelegt), auf mehrere Unkorrektheiten hingewiesen, darunter eine entscheidende: Marians Ehefrau war keine Halbjüdin, sondern Katholikin. Wer den Film nicht kennt, mag dieses Detail für eine lässliche Abweichung von der tatsächlichen Marian-Biografie halten. Tatsächlich aber beruht die gesamte Story ganz wesentlich darauf.