"Mir wurde klar, dass er mich irgendwann vielleicht nicht mehr lieben könnte", sagt die Frau im Off. Sie erzählt davon, wie ihr zum ersten Mal die Schwere ihrer Krankheit bewusst wurde: Alkoholismus. Danach schweigt sie und das ganze Kino mit ihr.

Die Regisseurin Carolin Schmitz hat in ihrer Dokumentation Portraits deutscher Alkoholiker sechs Menschen aus der Mittelschicht über ihr Leben als Süchtige befragt. Sie wolle mit ihrem Film kein Mitleid erregen, sagt die 42-jährige Filmemacherin – und das tut sie auch nicht. Ihr Film erschüttert vielmehr dadurch, dass Menschen offen und reflektiert darüber sprechen, welche Strategien sie entwickeln, um ihre Sucht parallel zum normalen Leben führen zu können. In ihrem Wunsch, im Alltag besser zu funktionieren, gehen sie fast unbemerkt verloren.

In ruhigen Kamerafahrten führt die Regisseurin durch öffentliche und private Lebensräume, in denen Menschen nur zufällig vorkommen. Von den Protagonisten, für die Alkohol ein täglicher Begleiter geworden ist, sieht der Zuschauer nichts. Er kann ihnen lediglich zuhören, wie sie von ihrem Leben mit der Sucht erzählen. Wie ein illustriertes Hörspiel zeigt der 78-minütige Film mit perfekt angeordneten Bildern von Wohnsiedlungen, Bibliotheken und Landschaften eine vermeintlich intakte Gesellschaft. Doch hinter diesen Fassaden stecken Menschen, die im Film wie auch im realen Miteinander unsichtbar für uns sind: heimliche Alkoholiker.

Es geht nicht um gescheiterte Persönlichkeiten, die außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft leben. Vielmehr erzählt der Film davon, wie Trinker versuchen, den Balanceakt zwischen Alltag und Sucht zu halten. Sei es eine junge Mutter, die direkt nach der Geburt ihres ersten Kindes eine Sektflasche ordert oder der Strafverteidiger, der alkoholisiert Gerichtsverhandlungen führt. Jeder Gang in den Keller wird fürs heimliche Trinken genutzt. Nichts wird ohne Hintergedanken gemacht, jede Minute alleine wird ausgenutzt – und sei es nur für einen kleinen Schluck. Die Geschichten machen deutlich, wie sehr ihr Leben mit der Sucht für die Protagonisten zum Leidensweg wird. Bis die Betroffenen sich selbst als Alkoholiker sehen, hat es zum Teil Jahre gedauert.