Man hatte sich unter den Berlinalebesuchern schon gefragt, wann der Taschentuchfilm endlich laufen wird und die Tränen dazu. Und dann liefen sie tatsächlich, während des Films En Familie der dänischen Regisseurin Pernille Fischer Christensen. Dabei geht es eigentlich um eine relativ glückliche Familie mit einer Traditionsbäckerei in Kopenhagen. Der Vater hat soeben seine Krebserkrankung überstanden und seine Lieblingstochter Ditte bekommt einen Traumjob in New York angeboten. Doch dann kehrt der Krebs zurück, es wird klar, dass der Vater nur noch auf das Sterben wartet. An dieser Situation und der Hilflosigkeit des einstigen Patriarchen droht die Großfamilie zu zerbrechen. Die Regisseurin, die bereits 2006 einen Silbernen Bären gewann, wirft auf die Ereignisse jenen unsentimentalen Blick, der für jede große Tragödie nötig ist. "Wir erzählen von Furchtbarem, von existenzieller Bedrohung. Da muss es natürlich Gefühle geben, aber es darf niemals Sentimentalität aufkommen", sagte Christensen in Berlin.  

Die skandinavischen Regisseure auf der Berlinale zeigen in diesem Jahr höchst unterschiedliche Filme, die ein Hauptthema variieren: Die Familie. Bei Christensen ist es eine relativ "normale" Mittelstandsfamilie, die plötzlich mit den fundamentalen Fragen des Lebens konfrontiert wird. Bei Thomas Vinterbergs Wettbewerbsbeitrag Submarino kann man von Familie eigentlich schon gar nicht sprechen. Die Mutter, schwerst alkoholkrank, überlässt ihr Baby der Obhut ihrer zwei älteren Söhnen. Das Kind stirbt und das Leben der beiden Jungen wird von ihren Schuldgefühlen zerstört. Der Kreislauf von Gewalt, Sucht und Vernachlässigung geht auch in der nächsten Generation weiter. Vinterbergs düstere Botschaft: bei diesen Kindern war ein gutes Ende schon mit der Geburt ausgeschlossen.  

Auch in Babak Najafis Film Sebbe ist die Welt kein schöner Ort. Besonders hässlich ist sie in den sozial schwachen Regionen der Gesellschaft, dort, wo man an Bahnübergängen, in grauen Plattenbauten lebt. Das schwedische Sozialdrama, das in der Jugend-Sektion "Generation" lief, hat zwar weniger dramatische Szenen als Submarino, die Lebensläufe sind aber ähnlich düster. Die Hauptfigur, der 14-jährige Sebbe, versucht eigentlich nur, irgendwie durchzukommen: Durch die Schule, an seinen brutalen Mitschülern vorbei und an den Problemen mit seiner Mutter, die - wie überraschend - auch ein Alkoholproblem hat und als Beschützerin versagt. Sebbe baut sich eine Bombe, die er im verhassten Klassenzimmer schließlich aber doch nicht zündet. Eine Metapher, die auch die Gefühle des Zuschauers beim Betrachten dieser Schmerzensorte beschreibt: Sie sind zum Zerreißen gespannt, aber lösen sich letztlich nicht auf. Die Bombe platzt nicht.

"Now I’m so happy / I got you / Back in my life / It’s so fine".- in dieser Familie ist überhaupt nichts gut, auch wenn der Soundtrack von "Bad Family" es verheißt. Im Mittelpunkt des finnischen Familienporträts von Aleksi Salmenperä, das von Aki Kaurismäki produziert wurde, steht Mikael, Richter an einem Berufungsgericht. Er ist geschieden, pflegt eine Affäre mit der Pflegerin seines Vaters und kümmert sich um seinen Sohn Daniel. Als dieser sich plötzlich verliebt, lässt Mikael ihn mit skrupellosen Mitteln auf eine verlassene Insel verschleppen, um ihn dort von der Liebe zu heilen. Dummerweise ist nämlich Daniels Angebetete seine eigene Schwester, die er eben erst kennen gelernt hat. Bad Family ist der tragikomische Kreuzzug eines Familienoberhaupts, bisweilen absurd und bizarr. Im Unterschied zu den meisten anderen Beiträgen in diesem Jahr erinnert er an die besondere Kunst vieler skandinavischer Filme, das Schreckliche zu einem guten Witz zu verarbeiten.