Der Film beginnt mit einer militärischen Auseinandersetzung: Die römische Stadt Hippo im heutigen Tunesien wird von den Vandalen belagert. Zwei Alternativen gibt es: Entweder die Römer kämpfen aussichtslos und mit hohem Blutzoll oder sie kapitulieren mit der Bitte um Schonung. Geistliche und weltliche Macht stehen sich unversöhnlich gegenüber: Der römische Statthalter Valerius will die militärische Auseinandersetzung, Augustinus, der Bischof von Hippo, plädiert für Friedensverhandlungen. Valerius setzt sich durch, und die Stadt Hippo wird von den Vandalen verwüstet. So wie wenig später das ganze west-römische Reich. Heute ist Roms Macht nur noch eine Erinnerung an längst verblassten Ruhm, aber Augustinus’ Bekenntnisse , die von dem Durst der Seele nach Gott erzählen, werden noch immer gelesen.

Auf solche Bilder von sehr zeitloser, geradezu überirdischer Wahrheit ("alles ist vergänglich, nur Gott nicht") hat es der TV-Zweiteiler Augustinus abgesehen, eine deutsch-italienische-polnische Koproduktion, die die ARD an Ostern ausstrahlt. Wir sind ja alle (Papst Benedikt hat es gegeißelt) gemütvolle Relativisten und rümpfen die Nase, wo immer absolute Wahrheiten verkündet werden. Ein zeitgemäß-opportuner Augustinus-Film hätte also einen großen Bogen um jedes Wahrheits-Pathos gemacht. Dieser tut das nicht. So zuckt der Zuschauer am Anfang zusammen und denkt sich: "Geht’s nicht vielleicht auch eine Nummer kleiner?“ Nein, geht es nicht. Beziehungsweise es ginge schon, aber dann wäre auch bei diesem Film ein ganz gewöhnliches, psychologisierendes Biopic herausgekommen.

Regisseur Christian Duguay will aber ersichtlich etwas anderes: Er will einen religiösen Erbauungsfilm. Das klingt ja schrecklich! Aber das Verblüffende, ja, Tolle an Augustinus ist, dass das Erbauliche in diesem Fall das Kühnere und Klügere und Kunststrengere ist. Ein Film, der die religiöse Frage nach Gott als eine Frage nach der Wahrheit (und nicht nur nach dem Guten) ernst nimmt, der fällt natürlich augenblicklich heraus aus unserer psychorealistischen Erwartungshaltung. Diesen Mut kann man gar nicht genug rühmen.

Vielleicht ist dabei am Ende kein wirklich guter Film herausgekommen, aber jedenfalls auch kein psychologisch weichgespülter. Keine allzu billige Gegenwarts-Assimilation. Duguay erzählt das Leben des Kirchenvaters (der alte Augustinus wird von Franco Nero gespielt, der junge von Alessandro Preziosi) allegorisch – und mit nichts können wir Kinder des bürgerlichen Realismus weniger anfangen als mit der Allegorie. Der Film erzählt eine religiöse Biographie in den Kategorien des Glaubens, nicht in den Kategorien moderner Seelenkunde.

Augustinus ist ein kluger, ehrgeiziger junger Mann aus einfachen Verhältnissen (auf die historischen Details ist in diesem Film ziemlich gut Verlass). Dank eines Gönners bekommt er die Chance, bei dem berühmten Redner Macrobius (Dietrich Hollinderbäumer) in die Schule zu gehen. Macrobius’ Lehre lautet: "Der Mut, ohne die Wahrheit zu leben, macht den großen Redner aus.“ Das ist ganz praktisch und konkret zu verstehen: Augustinus muss sein Rednertalent vor Gericht einsetzen, um einen schimpflichen Mörder rauszuhauen – mit Erfolg. Es ist aber auch philosophisch zu verstehen.

Macrobius steht nämlich in der sophistischen Tradition, und die ist mehr als nur eine rhetorische Strategie, sie ist eine Weltanschauung. Weil es auch im metaphysischen Sinn keine Wahrheit gibt, sind auch in irdischen Dingen alle Mittel erlaubt, die "Wahrheit“ zu beugen, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Augustinus lernt schnell: Recht hat, wer Recht bekommt. Darin ist er gut. Er wird ein berühmter Anwalt und gehört zum spätrömisch-dekadenten Establishment. Er ergötzt sich an der menschlichen Eitelkeit, ohne ihr selber etwas Sinnhaftes entgegenstellen zu können. Er wird ein abgeklärter Zyniker, ein leicht blasierter Sünder, der nur in der Immanenz lebt. Um die innere Leere zu füllen, sucht er, die rastlose Seele, immer neue sinnliche Reize. Aber irgendwann ist er von seinem eigenen Leben angewidert.

Darin ist der Film ausgesprochen scharfsinnig: Er zeigt, wie es ein und dieselbe unteilbare Wahrheit ist, die sich durch alle Lebenskreise zieht. Die Wahrheit, die Augustinus als Strafverteidiger zu entstellen versucht im Interesse seines Mandanten, ist dieselbe Wahrheit (es gibt nur eine), nach der sich seine Seele sehnt, als er der Eitelkeit der menschlichen Machtkämpfe überdrüssig geworden ist und sich Gott zuwendet.