ZEIT ONLINE: Frau Schult, Sie haben eine Dokumentation über das US-Militärkrankenhaus in Landstuhl in Rheinland-Pfalz gedreht, dem größten Militärhospital außerhalb Amerikas. Ist dieser Ort eine Art Insel innerhalb von Deutschland?

Astrid Schult: Ja, ich finde es sehr ungewöhnlich, dass es mitten in Deutschland eine Parallelwelt gibt, von der man nichts mitbekommt, außer man arbeitet dort oder wohnt in der Region.

ZEIT ONLINE: War es schwierig, eine Drehgenehmigung für den Stützpunkt zu bekommen?

Schult: Es war tatsächlich sehr schwierig. Ich habe dann zwei Monate lang ehrenamtlich im Fisher House auf dem Stützpunkt gearbeitet, das ist eine Mischung aus Hotel und Aufnahmestation für Soldaten, die nicht mehr stationär behandelt werden und für die Verwandten der Verletzten. Dadurch bekam ich einen sehr persönlichen Zugang zu den Menschen. Und natürlich auch einen leichteren Zugang zum Krankenhaus.

ZEIT ONLINE: Gab es Fragen, die Sie nicht stellen durften?

Schult: Ich hatte die Auflage, keine politischen Fragen zu stellen, keine Fragen zu aktuellen Missionen der US-Armee und keine Nachfragen zu psychischen Erkrankungen meiner Gesprächspartner. Obwohl fast alle, mit denen ich gesprochen habe, davon betroffen waren. Ein Soldat erzählte mir außerdem, dass er vor unserem Interview ein "media briefing" erhalten habe.

ZEIT ONLINE: Wer waren diese Soldaten?

Schult: Bei einigen, vor allem den ganz jungen, merkte man, dass sie aus relativ armen Verhältnissen stammten und einen niedrigen Bildungsstandard hatten. Diese Leute haben entweder die Möglichkeit, für den Rest ihres Lebens in ihrem Heimatort Burger zu wenden und im Trailerpark zu leben, ohne Krankenversicherung. Oder sie gehen zur Army. Viele fanden die Möglichkeit gut, ins Ausland zu reisen. Das Geld ist ein großer Anreiz. Soldaten bekommen viele Sonderleistungen, quasi eine Komplettbetreuung. Auch in Deutschland gibt es immer mehr junge Leute, die keinen Ausbildungsplatz finden und sich dann für die Bundeswehr entscheiden.

ZEIT ONLINE: Eine Mitarbeiterin des Fisher House sagt im Film: "Manchmal habe ich das Gefühl, das sind noch Kinder, die verstehen gar nicht, was um sie herum passiert."

Schult: Sie sind tatsächlich nur ein kleines Rädchen in einer großen Maschine. Und wenn sie nicht mehr tauglich sind, werden sie ausgesondert. Dann fangen viele an zu realisieren, dass sie vielleicht doch nicht das Richtige gemacht haben, weil ihr Leben zu einer Katastrophe geworden ist. Die meisten, die zurückkommen, sind kaputt, und zwar fürs ganze Leben.

ZEIT ONLINE: Nicht nur körperlich, sondern auch psychisch?

Schult: Vor allem psychisch. Die Selbstmordrate ist extrem hoch. Gerade gab es wieder Berichte, nach denen sich 2009 mehr US-Soldaten umgebracht haben als im Krieg gefallen sind.