Hat sich die Natur denn ganz gegen Cannes verschworen – zu Wasser, zu Lande und in der Luft? In der vergangenen Woche brach ein Unwetter mit bis zu sechs Meter hohen Wellen über die französische Côte d'Azur herein, und als der Bürgermeister von Cannes gar den Katastrophenstatus beantragte, sah alle Welt das Filmfestival gleich mit untergehen. Dann schien die isländische Aschewolke sich so tückisch über Mittel-und Südeuropa zu formieren, dass allenfalls für die Festivalgäste aus Afrika noch ein Korridor zum Flughafen von Nizza frei schien. Zu Lande schließlich drohte die große Heuschreckenplage: So jedenfalls empfinden die Cannoiser den Einfall der mindestens 30.000 Filmleute in ihr Städtchen, das gerade mal doppelt so viele Einwohner zählt. Zumindest die letztere der großen Heimsuchungen ist nun nicht mehr abzuwenden.

Tatsächlich sind zum Countdown des Festivals, das am Mittwochabend offiziell eröffnet wird, die Bagger und Lastwagen an der Croisette lärmend im Einsatz – nicht anders allerdings als sonst, wenn es darum geht, den kleinen Stadtstrand zur Weltkino-Sause besenrein zu planieren und allerlei Materialien für die Partylocations am Ufersaum heranzukarren. Denn die von vorgelagerten Inselchen geschützte Promenade zwischen den Luxushotels Majestic und Martinez hat es weitaus weniger heftig erwischt als etwa die westlich des Hafens gelegene "Plage du Midi", auf der stets im Mai die eher familiäre als filmaffine Badesaison beginnt. Und die Aschewolke? Sie verzieht sich, je näher der festliche Auftakt rückt, dankenswerterweise entschieden Richtung Kanaren. So schlimm das für Pauschalurlauber ist, in Cannes regiert – zumindest unter den Neuankömmlingender kollektive Erleichterungsseufzer: Geschafft! 

Unbill droht dennoch. Die Natur mag in letzter Sekunde kleinfein beigeben, in Sachen Kultur sieht es zum Start eher düster aus. Erstmals eröffnet das Festival mit einem Film, der nicht als heiß erwartete Weltpremiere daherkommtim Gegenteil: Ridley Scotts Mittelalterspektakel ist zeitgleich zur Cannes-Uraufführung etwa in Deutschland in zahllosen Vorpremieren zu sehen, und die französischen Cineasten können sich das Ding sogar in der Provinz schon nachmittags ganz regulär zu Gemüte führen. Im Zeitalter der Angst vor der Raubkopie, die weltweit zum nahezu zeitgleichen Kinostart zwingt, bleibt Cannes nur der Event. Hier also ist es und nur hier, wo Ridley Scott, Cate Blanchett und Russell Crowe die legendären rotbespannten Stufen zum Festivalpalast hinaufpilgern werden! Nur: Was bringt das noch, wenn der Rest der Welt selbst gerade anderswo im Kino sitzt?

Andererseits ist Ungeduld wohl das Gefühl, das man Robin Hood , so der Name der Chose, am allerwenigsten entgegenbringen sollte. Denn was da mit einem Vorspann in Fraktur auf Sackleinen anhebt, ist insgesamt von eher hirnerweichender als herzerwärmender Behäbigkeit. Dabei macht der Film nicht einmal furchtbar viel falsch. Wer aber nichts falsch macht, macht oft auch nichts richtig. Im Bedürfnis, bei der global optimalen Kinoauswertung dieses Stoffs nirgends anzuecken, ist diese x-te Verfilmung der Legende vom moralischsten Räuber des Abendlands zu einem merkwürdig konturlosen Produkt geraten. Politisch korrekt? Aber sicher doch. Kampfszenen? Serienmäßig. Eine Liebesgeschichte, damit nicht nur die Gefühlshaudegen, sondern auch deren Freundinnen zahlreich ins Kino strömen? Sorgfältig eingebaut. Und trotzdem: Gerade in dem so dauerkantig wie schauergrantig dreinblickenden Hauptdarsteller Russell Crowe, der gewiss gern der ultimative Robin Hood der Filmgeschichte wäre, offenbart sich die ganze Stereotypie eines Aufwands ohne Seele.

Dabei ist der Aufwand selbst durchaus beträchtlich. Dieses Mittelalter sieht, auch in den Massenszenen, tatsächlich unplugged aus, viel eher nach Freilichttheater denn nach Spezialeffekt. Das geht los mit den Kreuzzugs- und Burgbelagerungsszenen, aus denen Robin Hood als der unbeugsame Gutmensch herauskommt, der "nach einem Gemetzel an 2500 Muslimen" seinen christlichen Glauben verliert. Und das geht, nach dem Tod des Oberkreuzzüglers Richard Löwenherz, mit der Rückkehr Robin Hoods nach England weiter, wo er äußerst gemächlich das Herz einer treuen Penelope alias Marion (Cate Blanchett) erobert, der er – leider, leiderdie Nachricht vom Tod ihres Gatten überbringen muss. Und es gipfelt in einer Strandschlacht an der englischen Küste, bei der die zur Invasion mächtig heranrudernden Franzosen von den mit Pfeil und Bogen bewehrten Briten aber so was von versenkt werden. Natürlich kommt dem Recken Robin, sehr neuzeitlich, Marion in schimmernder Rüstung zuhilfe.

Allein, das Filmvorhaben Robin Hood bleibt so bleischwer wie das Kettenhemd, das sein Namensgeber trägt. Nirgends ein Wagnis: Nur immer hier die Guten, dort die Schurken (etwa Mark Strong als verräterischer Kriegstreiber Godfrey). Nirgends eine Haltung zum Stoff, die über das durchweg eher dienstliche Lob der Rechtschaffenheit hinausgeht. Nicht, dass der Stoff bloß zur "Helden in Strumpfhosen"-Klamotte taugen würde aber ein Fünkchen jenes Witzes, den Sonnyboy Kevin Costner mit seinem wunderhübsch als Muselmann kostümierten Mitkämpen Morgan Freeman in Robin Hood – König der Diebe (1991) verbreitete, hätte auch diesem Widergänger nicht geschadet. Bleibt Cate Blanchett: Ihre glühende Seelenschönheit ist atemberaubend, selbst in einer Rolle, die kaum über Staffage hinausgeht.

Und wo sind die Wälder, an die etwa der französische Titel Robin des bois gemahnt, wo ist der freiwilde Vagabund, der mit seiner verschworenen Bande den Armen gibt, was er den Reichen nimmt? Die berühmte Abenteuergeschichte, die Kevin Reynolds in seinem Costner-Hit (Zuschauer allein in Deutschland: knapp fünf Millionen) mit Vergnügen illustrierte, bleibt diesmal einem möglichen Sequel vorbehalten. Lieber Ridley Scott, soll das eine Drohung sein?