Auf den ersten Blick könnte das Zusammentreffen gar nicht glücklicher sein. Zwei Altgroßmeister des angelsächsischen Autorenkinos zeigen in Cannes ihre neuen Filme, und das unmittelbar hintereinander. Beide erzählen mit einem Ensemble großartiger Schauspieler von Familie, Ehe, Paarbeziehungssehnsüchten, vom Älterwerden, von Versuchen, quer durch die Generationen der Einsamkeit zu entrinnen: kurzum, von der großen Todesangst vor dem Leben.

Auf den zweiten Blick aber könnte das Zusammentreffen gar nicht grausamer sein. Denn Mike Leigh schildert in „Another Year“ so genial anstrengungslos den Alltag einer Reihe alltäglicher Leute, dass sein Film sich nach einem eher zurückhaltenden Festivalstart als erster starker Anwärter auf die Goldene Palme entpuppt. Auch Woody Allen bietet in „You Will Meet a Tall Dark Stranger“ – außer Konkurrenz gezeigt – wie gewohnt eine anstrengungslos hingeworfene Geschichte. Nur: Wo Leigh alle seine Figuren mit herzenswarmem Blick erfasst, regiert bei Allen hinter mäßig heiterem Geschehen eine neue Kälte. Ja, wo der eine sein Personal, und agiert es mitunter noch so nervtötend, unterschiedslos liebt, benutzt der andere sein Drehbuch nur, um die Charaktere der Lächerlichkeit preiszugeben.

Ein Unfall, dieses Zusammentreffen in so schriller Dissonanz. Kommentiert Woody Allen womöglich seinen Kollegen Mike Leigh auf das Zynischste? Natürlich nicht. Im Augenblicksvergleich jedoch verliert Allen dadurch mehr, als sein Film verdiente.

Mike Leighs „Another Year“ beginnt mit einem Close-up auf Imelda Staunton. Die große Schauspielerin hat, wie sich herausstellt, nichts als diesen riesigen Miniauftritt als verbittert-verschlossene Frau, die bei einem Arzttermin zwar Tabletten gegen ihre Schlaflosigkeit verschrieben bekommt, aber widerstrebend auch einen dringend angeratenen Termin bei der Psychologin Gerri (Ruth Sheen) wahrnimmt. Was für ein Film, der es sich leisten kann, aus solcher Eröffnung keine Story um die Lebenskatastrophe dieser Patientin zu machen! Stattdessen driftet das Geschehen zu Gerris harmonischer Ehe mit dem Ingenieur Tom (Jim Broadbent) hinüber, zu einem Leben, wo man sich abends vom Job erzählt und die Freizeit auch bei Regen im gemeinsamen Schrebergarten verbringt. Wenn man nicht gerade ausgiebig Gäste empfängt. Wie bitte, Tom und Gerri, auszusprechen wie Tom & Jerry? Was für ein Film, der irgendwann sogar mit dieser Koinzidenz spielen kann, ohne im Geringsten albern zu sein.

Und schon steckt der Zuschauer mittendrin. Da ist Gerris Arbeitskollegin, die labil-quirlige Mary (Lesley Manville), die nach einer gescheiterten Ehe und Affäre seit längerem allein lebt und vor Männerhunger und Weißweindurst fast vergeht. Da ist Tom und Gerris Sohn Joe (Oliver Maltman), der mit 30 immer noch keine feste Freundin hat, und dann findet sie sich, sehr zu Marys Missvergnügen, plötzlich doch: quirlig, aber quicklebendig. Da ist der alte Freund Ken (Peter Wight), der sich aus Lebensleere womöglich bald zu Tode frisst, und da ist Toms Bruder Ronnie (David Bradley), der soeben seine Frau verloren hat und als Tom und Gerris Gast – vielleicht, vielleicht – einen Faden ins Leben zurückfindet. Dieser Ronnie, eine Versteinerung von Mann, sagt nicht viel mehr als „ja“ und „nein“, und das sicher zwei Dutzend Mal. Was für ein Film, der eine wichtige Figur erst gegen Ende einführt, und dann sagt sie nichts als „ja“ und „nein“!

Mike Leigh erzählt davon, wie gut es tut, selbst das komplizierteste Lebenslügensystem aufzubrechen, wenn man jemanden hat, der einen auffängt und sich selber darüber nicht verliert. Und wie gute Menschen auch nur deshalb gut bleiben, weil sie täglich tausend Gelegenheiten auslassen, nicht gut zu sein. Der Film beginnt im Frühling in fast entfärbtem Blaugrau, füllt sich mit warmen Farben auf und kehrt winterwärts ins Blaugrau zurück. Ein bisschen erinnert „Another Year“ in seiner souveränen Beiläufigkeit an die Art, wie Eric Rohmer unzählige Male von ganz jungen Menschen erzählt hat. Nur dass es hier alte Leute sind, die jeden Tag am Lebenswebstuhl weiterweben.