Marcus Vetter sieht müde aus. Die vorigen Nächte hat der deutsche Regisseur fast durchgearbeitet, pausenlos klingelt sein Telefon. Am Nachmittag ist der Strom ausgefallen, wie so oft in den letzten Tagen, und das Notstromaggregat, das im Zweifel einspringen soll, hält nur 15 Minuten. Diese Unwägbarkeiten bringen Vetter nicht mehr aus der Ruhe. Häufig ist seinem Team in den letzten Monaten das Geld ausgegangen, immer wieder gab es Rückschläge und Widerstand. Vetter sagt: "Die Chance, dieses Kino in Dschenin wieder zu eröffnen, lag im Rückblick ohnehin bei weniger als einem Prozent." 

Integration - Cinema Jenin: Kino als Integration Marcus Vetter, Filmemacher und Initiator des Projektes "Cinema Jenin" im Interview

Nun ist das Kino fertig. Soeben ist die Menschenrechtsaktivistin Bianca Jagger in Dschenin zur Eröffnungsfeier eingetroffen. Die Polizei hat alle Mühe, des Andrangs vor dem grauen Gebäude Herr zu werden. Reporter aus der ganzen Welt sind angereist, und wenn nichts mehr schief geht, wird in wenigen Minuten der palästinensische Premierminister Salam Fayyad aus seiner Limousine steigen, über den improvisierten roten Teppich gehen und das Band am Eingang des Kinos zerschneiden. Drinnen wird bis zur letzten Minute gearbeitet. Auf der Bühne vor der Leinwand liegt noch Bauschutt. Auf der Rückseite des Gebäudes wird eine weitere Leinwand angebracht, auf dem am Abend unter freiem Himmel der Eröffnungsfilm laufen soll.

Dschenin war bis vor wenigen Jahren die Terrorzentrale des Westjordanlands. Von dort kamen viele der Attentäter während der zweiten Intifada, die im Jahr 2000 begann. Im Mai 2002 lieferte sich hier die israelische Armee mit palästinensischen Widerstandskämpfern einen blutigen Kampf. Das Flüchtlingslager am Stadtrand wurde dabei fast vollständig zerstört. Seit einigen Jahren hat sich die Stadt gewandelt: Die israelische Armee ist aus den Straßen verschwunden, der Wohlstand ist wie in vielen Städten der Westbank gewachsen und die Sicherheit ist zurückgekehrt. In der Region gilt Dschenin inzwischen als Labor für den Frieden. Das neue Kino soll der Stadt zu neuem Glanz verhelfen, und – wie es der Gouverneur von Dschenin, Quadura Mousa sagt, zeigen, dass die Stadt ein "sicherer Ort" ist.

Mehr als zwei Jahre hat Vetter auf diesen Moment hingearbeitet. Als der Tübinger Dokumentarfilmer das Cinema Jenin 2007 entdeckte, war er wegen seines Films in der Stadt: Das Herz von Jenin . Vetter erzählt darin gemeinsam mit dem israelischen Regisseur Leon Geller die Geschichte von Ismael Khatib, einem Mann aus dem hiesigen Flüchtlingslager. Im November 2005 lief dessen Sohn mit einer Spielzeug-MG durch die Straßen. Ein israelischer Soldat hielt das Gewehr für echt und schoss dem Jungen in den Kopf.

Der Filmemacher und Initiator des Projekts, Marcus Vetter

Als Ismael Khatib davon erfuhr, entschied er, dass die Organe seines Sohnes an Bedürftige gehen sollten – unabhängig von ihrer Religion oder Herkunft. Kurz darauf schlug das Herz seines Sohnes im Körper eines jungen Mädchens aus einer Drusenfamilie, eine der Nieren bekam ein Mädchen aus einer ultraorthodoxen jüdischen Familie. Vetters Film erzählt, wie Khatib die Eltern der Kinder besucht. Er beschreibt die Sprachlosigkeit, die zwischen beiden Seiten herrschte.

Um Khatib den fast fertigen Film zu zeigen, kam Vetter nach Dschenin. Eines Abends liefen sie an dem verfallenen Kino vorbei. Khatib erzählte Vetter die Geschichte: Mit fast 400 Plätzen war es einst das prachtvollste Kino im Westjordanland. Dann kam 1987 die erste Intifada, das Kino wurde zerstört und musste schließen. Die Männer beschlossen noch am gleichen Abend, das Gebäude wieder aufzubauen. Vetter erinnert sich noch an den Tag, als er das Kino das erste Mal betrat: "Alles sah aus, als ob es unmöglich wäre. Das ganze Kino war voll mit Tauben. Ohne Maske konnte man nicht rein. Asbestverseucht war es auch."