Mia ist immer in trouble. Weil sie einfach macht, was sie will, und höchstens hinterher darüber nachdenkt; weil sie sich ungefragt nimmt, was gerade herumsteht. Eine Flasche Schnaps bei der Party ihrer Mutter oder das abgemagerte Pferd auf dem benachbarten Grundstück. Viel ist für die 15-Jährige sowieso nicht zu holen – sie lebt in einem heruntergekommenen Viertel am Rande Londons und ist gerade von der Schule geflogen.

Mias Alltag ist trist, ihre Tage verstreichen gleichförmig. Dennoch ist sie das Herz von Fishtank, ein pulsierendes, heftig schlagendes Herz, das der Trostlosigkeit zwischen Hochhausblöcken und Betonwüste Leben gibt. Es ist vor allem ihr zu verdanken, dass das Sozialdrama von Andrea Arnold einen nicht völlig deprimiert zurück lässt, sondern mit Respekt für diese Kämpfernatur erfüllt. Die britische Regisseurin, deren Kurzfilm Wasp bereits mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, bekam für Fishtank in Cannes den Preis der Jury.

Die Kamera rennt Mia atemlos hinterher, diesem Mädchen im Kapuzenpulli mit dem schwarzen Lidstrich um die Augen, der hart wirken soll und doch ständig verwischt. Man wundert sich fast, dass Mia nicht die Kamera trifft, wenn sie sich mit Händen und Füßen freistrampelt, dass sie nicht auf die Linse eindrischt wie auf das Mädchen, das ihr dumm kommt und dafür eins auf die Nase bekommt, bis sie blutet.

Mia wirkt so echt, weil sie echt ist – angeblich stritt die Darstellerin Katie Jarvis auf dem Bahnhof von Tilbury gerade heftig mit ihrem Freund, als sie für die Rolle gecastet wurde. Mit Laiendarstellern zu arbeiten, ist immer ein Risiko – ihnen fehlt nicht nur die Erfahrung mit der Kamera, sondern sie bringen womöglich auch die Probleme ihres Milieus mit ans Set. Jarvis aber ist als Besetzung ein Glücksgriff, weil sie nicht nur Härte und Trotz markiert, sondern diesen Schutzschild auch ablegen kann.

Es ist Connor, bei dem Mia ihre Verletzlichkeit zeigt. Er ist der neue Freund ihrer Mutter, die selbst noch ein Kind gewesen sein muss, als sie Mia bekam und ihre Liebhaber wohl schon des Öfteren gewechselt hat. Connor, mit viel Charisma dargestellt von Michael Fassbender, ist irgendwie anders ist als seine Vorgänger. Er unterstützt Mias Bewerbung als Tänzerin an einer Bühne, er leiht ihr seine Kamera, er nimmt die ganze Familie mit an den Fluss, raus aus der Vorstadt, und fängt einen Fisch mit der bloßen Hand. Als sich Mia bei dem Ausflug den Fuß verletzt, trägt er sie sanft zurück zum Auto. Auf einmal kommen die Flüche weicher aus Mias Mund. Sie wird zum Kind in seinen Armen, das sich nach nichts mehr sehnt als nach Geborgenheit, die Kamera kommt mit ihr zur Ruhe.

Doch da ist noch eine andere Anziehung, die durchscheint, wenn Mia morgens im Slip vor Conners Augen durch die Küche stakst. Sie möchte von ihm auch als Frau wahrgenommen werden. Und was will Connor? Dieser Mann, der zwischendurch immer wieder wegmuss und gereizt reagiert, wenn Mia ihn bei seiner Arbeit besucht, als gebe es noch etwas anderes in seinem Leben?

Er wird nicht der alles heilende Stiefvater werden, das wird dem Zuschauer schon bald klar. So etwas passiert nur im Märchen und nicht in diesem Fishtank, diesem unentrinnbaren Aquarium, dem Mias Wohnblock gleicht.

Aber Mia hört nicht auf mit ihren Versuchen, sich freizuschwimmen. Auch wenn sie für ihr Vertrauen hart bezahlen wird. Anders als die Erwachsenen um sie herum will sie nicht einsehen, dass es keinen Ausweg geben soll. Am Ende verlässt sie das Viertel, um ein neues Leben zu beginnen. Man wünscht ihr, dass sie es schafft.