Als Emma ihren späteren Geliebten Antonio zum ersten Mal trifft, hält er ein Kunstwerk in den Händen. Wie passend für diese gepflegte Frau aus der Oberschicht, deren Leben so perfekt erscheint. Ihr Mann führt ein Textilunternehmen und gehört zu den wohlhabendsten Industriellen des Landes. Mit ihren drei erwachsenen Kindern pflegt sie einen liebevoll-stolzen Umgang. Ihr Zuhause ist eine atemberaubend schöne Villa, in der Möbel, Gemälde und selbst Diener im gedämpften Licht matt golden schimmern. Die Makellosigkeit wird nur überstrahlt von Emmas, von Tilda Swintons alabasternem Gesicht.

Die Idee zu dem Film kam von ihr, sagt der Regisseur Luca Guadagnino. Im Jahr 2002 hatten die beiden Tilda Swinton: The Love Factory gedreht. Damals entstand die Idee, einen Film über die Liebe zu machen und über die Lebenswelt, wie sie der Kapitalismus hervorbringt. Sieben Jahre lang haben sie dann an ihrem Projekt gearbeitet.

Die Kunst, mit der Antonio erst die Zuneigung von Emmas Sohn und dann von Emma selbst gewinnt, ist die des Kochens, das Kunstwerk ein Kuchen. Der Darsteller Edoardo Gabbriellini ist eigens mehrere Wochen bei Carlo Cracco in die Lehre gegangen, dessen Mailänder Restaurant zwei Michelin-Sterne hat. Es hat sich gelohnt. Nie sah man in einer Frau die Erregung so erwachen, wie in Swinton, als sie von Antonios Garnelen mit Ratatouille und süß-saurer Sauce kostet.

Swinton sagt , sie hätte in diesem Film die pure Leidenschaft inszenieren wollen. Die Liebe als Akt, weniger als sentimentales Konzept. Das ist ihr gelungen. Wenn sie sich – fern von ihrer Villa – im Hinterland von San Remo auf einer Wiese mit Antonio liebt, hört man die Grashalme unter den Körpern rascheln und einknicken. Das Sonnenlicht ist grell, die ungeschminkte Haut nicht mehr ganz so alabasterhaft. Aber berührbar, sinnlich, erfahrbar. Wenn Emmas geliebter Sohn und der Ehemann viel später, als das Unglück seinen Lauf genommen hat, ihr sagen, dass sie nicht mehr existiere, ist es genau das, was sie hier in den Armen von Antonio tut: existieren. In der Leidenschaft ist sie endlich und womöglich zum ersten Mal sie selbst.

Ihren Mann hatte sie einst in Russland kennen gelernt. Er brachte sie nach Mailand und führte sie ein in seine Familie. Sie sorgte für das Wohlgeraten der Kinder, die Einrichtung des Hauses, die reibungslosen Abläufe von Dinner-Einladungen. Die Rolle, die in dieser streng patriarchalischen Struktur für Frauen vorgesehen ist, füllte sie mit schlafwandlerischer Sicherheit aus. Nicht mal ihr Name, Emma, ist ihr eigener, sondern wurde von ihrem Mann für sie gewählt. Erst Antonio gibt ihr auch dieses Stück ihres Selbst zurück.

I am love stellt die Frage, welche Freiheit einer Frau in dieser erstarrten Struktur bleibt. Bevor Emma ausbrechen kann, findet auch ihre Tochter Elisabetta (Alba Rohrwacher) eine Antwort. Wie alle Frauen der Familie Recchi richtet sie ihr Interesse auf das einzige, was in der Familie wohlgelitten ist und Tradition hat: auf die Kunst. Jetzt bliebe Elisabetta noch, ihren Freund Gregorio zu heiraten, Kinder zu bekommen und ihre Rolle zu perfektionieren – wie ihre Großmutter, ihre Mutter, ihre Schwägerin. Doch sie entscheidet anders. Sie wendet sich von der klassischen Malerei ab und der jüngeren Kunstform der Fotografie zu, wofür die Patriarchen kein Verständnis haben. Von ihren weiteren Entscheidungen wird sie ihnen nicht mal mehr erzählen. Elisabetta wählt die Rebellion, eine sehr stille freilich. Nur mit ihrer Mutter verbindet sie bis zum Ende ein nahezu schweigendes, aber starkes Einverständnis. Rohrwacher schafft dabei eine Ähnlichkeit zu ihrer Filmmutter Tilda Swinton, die sich nicht nur äußerst verblüffend in den Gesichtern zeigt, sondern auch in ihrem Gang und Lächeln widerspiegelt, als wären die beiden Schauspielerinnen tatsächlich eng miteinander verwandt.

Luca Guadagnino hat das Familienporträt mit einer ästhetischen Perfektion gezeichnet, die an die Arbeit von Luchino Visconti erinnert. Jede Szene, jedes Detail ist von großer inszenatorischer Schönheit, der dem materiellen Luxus entspricht und den unendlichen Narzissmus entlarvt, der die Reichen nährt. Die äußere Makellosigkeit dieser gesellschaftlichen Schicht ist so vollkommen, dass die Verwerfungen, die das innere Drama der Hauptfiguren hervorruft, so auffallen wie ein falscher Pli im Tischtuch: kaum wahrnehmbar, aber absolut irritierend.