ZEIT ONLINE: Ihr Dokumentarfilm Auf Teufel komm raus , der gerade auf dem Max Ophüls Festival läuft, beruht auf einem viel diskutierten Fall. Das Dorf Randerath kam 2009 in die Schlagzeilen , als der aus der Haft entlassene Sexualstraftäter Karl D. bei seinem Bruder Helmut einzog. Sie haben mehr als ein Jahr lang mit Karl und Helmut in dessen Haus gefilmt und gleichzeitig versucht, Kontakt mit den aufgebrachten Dorfbewohnern aufzunehmen. Wann wollten Sie das erste Mal alles hinschmeißen?

Mareille Klein: Der Konflikt fing an, als die Demonstranten merkten, dass wir auch im Haus bei Helmut und Karl filmten. Bis auf eine Frau haben sich alle gegen uns gestellt. Irgendwann wurde uns verboten, uns der Demonstration auf weniger als 25 Meter zu nähern. Man hat uns eine Ecke zugeteilt, von der wir uns nicht wegbewegen durften. Nachdem wir eine Woche lang in dieser Ecke gestanden sind, waren wir so fertig, dass wir dachten: Das geht nicht.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie Kontakt zur Familie D. aufgenommen? Einfach geklingelt?

Klein: Wir haben Helmut, dem Bruder von Karl D., einen Brief geschrieben. Als wir ihn einwerfen wollten, stand Helmut gerade vor seinem Haus. Da haben wir ihn direkt gefragt.

ZEIT ONLINE: Wie hat er reagiert?

Julie Kreuzer: Er hat sich gefreut, dass überhaupt mal jemand mit redet. Wir haben ihm gesagt, dass wir uns für beide Seiten interessieren, dass wir mit den Demonstranten sprechen wollten, aber auch mit ihm. Darauf sagte er: 'Das klingt ja schon mal ganz gut.'



ZEIT ONLINE: Hat er Sie sofort in sein Haus gelassen?

Klein: Nein, das geschah nach und nach. Irgendwann haben wir ihm unsere Kamera gegeben, damit er für uns von seinem Balkon aus die Demonstranten vor seinem Haus filmt. Danach hat er uns das erste Mal ins Haus gelassen.

ZEIT ONLINE: Wie schätzen Sie das Verhältnis zwischen den beiden Brüdern Helmut und Karl ein?

Klein: Es ist sehr schwer zu beurteilen. Die beiden hatten lange keinen Kontakt miteinander und haben sich nach Karls Haftentlassung erst wieder neu kennen gelernt. Helmut ist, neben einem weiteren Bruder, der einzige in der Familie, der noch mit Karl spricht. Ich glaube, er hatte einfach das Gefühl, dass er für seinen Bruder da sein muss, weil es kein anderer tat.

ZEIT ONLINE: Als Dokumentarfilmer besteht immer die Gefahr, dass man irgendwann parteiisch wird. Wie war das bei Ihnen, nachdem Sie so viel Zeit mit Helmut und seiner Familie verbracht und die klaustrophobische Stimmung im Haus mitbekommen hatten?

Kreuzer: Wir sind ja nicht nur im Haus der Familie geblieben und haben die Leute draußen vergessen. In jeder Drehphase haben wir beide Seiten begleitet und versucht, unsere Drehzeiten genau aufzuteilen.

Klein: Im Film bekommen die Demonstranten irgendwann aber tatsächlich nicht mehr so viel Raum. Das liegt daran, dass sich die Gruppe relativ bald aufgespalten hat und der größte Teil nicht mehr von uns filmen lassen wollte. Deren Beweggründe und Motive werden daher im Film nicht so verständlich.

ZEIT ONLINE: Woher kam der Hass der Demonstranten?

Kreuzer: Während der Dreharbeiten hat sich herausgestellt, dass viele der Frauen, die vor Karl D.'s Haus standen, selbst Opfer von Vergewaltigungen waren. Sie waren nicht seine Opfer, sondern sie hatten nie die Gelegenheit oder den Mut, ihren eigenen Vergewaltiger mit der Tat zu konfrontieren. Karl D. war eine ideale Projektionsfläche.

ZEIT ONLINE: Im Laufe der Dreharbeiten sprachen einige dieser Frauen zum ersten Mal über ihre eigene Vergewaltigung. Wie kam es dazu?

Klein: Während der Demos kamen in diesen Frauen viele Gefühle wieder hoch. Eine von ihnen sagte zum Beispiel unvermutet: "Mit der Zeit lässt der Schmerz nach." Daraufhin antwortete eine andere ältere Frau: "Wirklich? Ich finde, mit der Zeit wird es schlimmer." Dann kamen ihr die Tränen, sie hat schnell ihren Hund und ihr Fahrrad genommen und ist weggefahren. Sie war so erschrocken über sich selbst und überrascht davon, dass sie zum ersten Mal ausgesprochen hat, dass ihr auch so etwas passiert ist. Nicht mal ihr Mann wusste davon.

ZEIT ONLINE: Für Helmut D. tut sich mit dem Einzug von Karl ein fast schon archaischer Konflikt auf: auf der einen Seite will er seinen Bruder, den verurteilten Vergewaltiger, nicht im Stich lassen. Auf der anderen Seite droht ihm das Jugendamt damit, seinen eigenen kleinen Sohn wegen der psychischen Belastung aus der Familie zu nehmen.

Klein: Helmut war überhaupt nicht darauf vorbereitet war, was passieren würde. Die Demonstrationen sind so richtig über die Familie hereingebrochen. Aber Helmut ist ein Typ, der unter Druck richtig trotzig wird. Das finde ich gut. Es wäre schrecklich gewesen, wenn er seinen Bruder aufgrund der Drohungen fremder Leute rausgeschmissen hätte. Es gab für Karl auch keine andere Lösung. Helmut hat die beste gefunden, indem er seinen Bruder bei sich aufgenommen hat.