Drei Jugendliche hocken frierend in einem Wald. Immer wieder bauen sie ihr Zelt auf und zünden ein Lagerfeuer an. Sie wissen oft nicht, was als Nächstes kommen soll. Sie zanken sich, bis einer beleidigt davonrennt.

Wer sich jetzt schon langweilt, liegt richtig. Im Film Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Teil 1 wird viel gezeltet. Regisseur David Yates hält sich an die Längen des Buches und kostet sie immer wieder voll aus. Was seinen Reiz hat, weil man auf einer breiten Leinwand eingefrorene Flüsse, karge, ewig weite Hügellandschaften und winterliche Dünenstrände bewundert. Aber man muss bereit sein für 146 Minuten Jugendwirren. Noch dazu ohne befreiendes Finale: Der Film bricht mitten in der Handlung von Joanne K. Rowlings siebenten Harry-Potter -Band ab. Im Juli 2011 darf die Kinokasse noch mal klingeln, dann folgt Teil zwei.

Harry, Ron und Hermine (und ihre Darsteller) sind groß geworden. Die Figuren sind inzwischen 17 Jahre alt. Ron Weasley (gespielt von Rupert Grint) protzt mit breiten Schultern, und die schöne Hermine Granger alias Emma Watson hat das verstrubbelte Strebermädchen, das sie einmal war, weit hinter sich gelassen. Der Darsteller von Harry, Daniel Radcliffe, immerhin hat sich kaum verändert. Er spielt so hölzern wie eh und je.

Die drei Freunde finden keinen Schutz mehr in ihren Familien und vor allem nicht mehr in der Schule, die in Feindeshand ist. Wo will ich hin? Wo komme ich her? Ums Erwachsenwerden geht es. Doch statt einem Internatsfilm mit magischen Schlafsälen und Hausarbeiten bekommt man in Folge 7 ein archaisch anmutendes Roadmovie vorgesetzt.

Wie schon im Buch ist auch im Film kaum etwas so geblieben, wie der eingefleischte Harry Potter-Fan es lieb gewonnen hatte. Harrys verhasste Ziehfamilie Dursley nervt nicht mehr. Das Haus von Tante Petunia und Onkel Vernon im Ligusterweg ist leer geräumt. Niemand steigt an Gleis 9 ¾  in den Zug, um zur Schule für Zauberei, nach Hogwarts, zu fahren. Der sprechende Hut schweigt. Der charismatische Schulleiter und Übervater Dumbledore ist bereits seit dem Ende von Band und Film 6 tot. Jetzt wird an seinem makellosen Image gerüttelt.

Ständig müssen die drei Helden weiterreisen. Zwischen die langen und langsamen Szenen mit Zelt brechen im Film glücklicherweise immer wieder Action- und Zauber-Szenen ein, die an Initiationsriten erinnern. Harry taucht unter der Eisdecke eines Flusses nach einem verzauberten Schwert, Hermine entschlüsselt ein Märchen und alle drei kämpfen mit einer Riesenschlange.

Neben dem Abschiednehmen vom Kinder-Ich ist die Mission der drei nach wie vor der Kampf gegen das Böse. Das immerhin ist gleich geblieben. Lord Voldemort hat endlich seine Kräfte wiedererlangt und die Macht an sich gerissen. Die Parallelen seiner Schreckensherrschaft zu den Verfolgungen und Demütigungen des Nazi-Regimes sind auch in Yates filmischer Fassung mehr als deutlich. Muggelstämmige Zauberer werden verhört und dürfen keinen Zauberstab mehr tragen. Eine Fanatikerin ritzt Hermine, deren Eltern keine Zauberer sind, "Schlammblut" in den Unterarm.

Berauschend sind die Effekte: Grandios, wie gleich zu Beginn Harry und seine Doppelgänger von den Bösewichtern durch die Luft und über die Autobahn gejagt werden. Schwindelerregend, wie Voldemort seine Schlange Nangini zum Dinner bittet und deren aufgerissenes Maul nicht nur die Gefangene, sondern den Zuschauer selbst zu verschlingen scheint. Herzzerreißend, wie Hermine die Erinnerungen ihrer Eltern an die Tochter löscht, und Hermines Gesicht von den Familienbildern auf dem Kamin verschwindet.

Es gibt noch einige solcher gelungenen Szenen. Doch sie stehen für sich allein. Die Haupthandlung kommt wie schon im Buch kaum voran und fesselt nicht. Die Suche nach den sieben Horkruxen, nach Gegenständen, in die Voldemort seine Seele stückchenweise verpackt hat, damit er unsterblich wird, zieht sich in die Länge. Am Ende von Teil eins von Teil sieben haben die drei Zauberschüler gerade mal einen gefunden. Es bleibt ihnen also einiges zu tun – und wir müssen im zweiten Teil von Harry Potter und die Heiligtümer des Todes hoffentlich nicht mehr so viel zelten gehen.

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Teil 1 läuft am 27. Oktober um 20:15 auf Sat1.