Das Problem sind nicht unbedingt die Leichen. Es ist auch die Stadt, die Jimmy McNulty zu schaffen macht: Baltimore, dieser marode Ort in Maryland, in den sich die Rezession hineingefressen hat und nur noch wenig übrig lässt vom Glanz und der Betriebsamkeit der einst großen amerikanischen Handelsstadt. Wie ein Seufzen liegt die Erinnerung über den Hafenkränen und den stillgelegten Fabrikschloten, über den Sozialbauten mit ihren Sperrholztüren, hinter denen das Verbrechen gedeiht. Hier ist das Revier von Detective McNulty.

Er ist Mitglied einer Sondereinheit, was zunächst verheißungsvoller klingt, als es ist. Nur widerwillig richtet die Polizeibehörde die Abteilung ein und kommandiert scheinbar nur die Nervensägen hinunter ins muffigfeuchte Kellerhauptquartier. Denn eigentlich braucht man keine Einheit zur Überwachung eines Gangsters, von dem bei der Polizei offenbar noch niemand gehört zu haben scheint: Avon Barksdale, mutmaßlicher Anführer einer Drogenbande, die Baltimores Westside in Schach hält. Einzig wegen McNultys Starrsinn wurde die Einheit aufgebaut. Diesem starrsinnigen Polizisten folgt man durch die 13 Folgen der ersten Staffel von The Wire , David Simons Serie, die nun als DVD endlich auch auf Deutsch erscheint.

Als der Sender HBO im Jahr 2002 die ersten Folgen der fünf Staffeln ausstrahlte, sprachen Kritiker bereits von der besten Serie aller Zeiten. Vielleicht lag es am kaum überschaubaren Figurenreichtum. An der Vielzahl an Handlungssträngen, die Simon – ehemals Polizeireporter der Baltimore Sun – fein verschraubt. Womöglich lag es auch daran, dass The Wire die Gewissheiten herkömmlicher Fernsehkrimis nicht bloß irritierte, sondern beinahe gänzlich zertrümmerte: Der Kampf des Guten gegen das Böse wird jeweils eine knappe Stunde lang als aussichtslos beschrieben. Mehr noch: Beide Seiten sind zuweilen kaum voneinander zu unterscheiden.

Da ist die Polizei mit ihren prekären Mitteln. Die Ränkespielchen der Vorgesetzten und der mannesharte Selbstbehauptungsjargon auf allen Etagen, wo man die täglichen Leichen mehr als bürokratische Zumutung sieht denn als Menschen. Zynismus ist die einzige Regung, die diese Sisyphosarbeit noch hervorbringen kann. Jeder Funke Idealismus wird sogleich erstickt im Morast von abenteuerlichen Anträgen und hierarchischem Mief, an dem auch Jimmy McNulty langsam verzweifelt. Abends füllt er mit Whisky die Leere, die diese Desillusionierung und auch seine Ex-Frau hinterlassen haben. Seine Wohnung ist so unmöbliert wie die des Drogenversehrten, der sich einen Schnitt später seinen Schuss setzt.

 Dort im Elendsviertel Baltimores liegt Avon Barksdales Königreich. In den Hochhäusern und Flachbauten hat er seinen Heroinmarkt eingerichtet, mit dem er die halbe Stadt versorgt. Barksdale zur Seite steht Stringer Bell. Sein General mit Rollkragenpullover und Nickelbrille, der das Unternehmen letztlich führt und dessen strenge Choreografie bestimmt: wo die Drogen versteckt werden. Wie die Kinder den Stoff an den Kunden bringen. Wie die Größeren das Geld annehmen und es dem Filialleiter geben, der im Schatten der Häuser auf einem Sofa sitzt.

Die Welt der Dealer gleicht der des Gesetzes: im Ehrgeiz der Höflinge und Angestellten, der an der starren Befehlsstruktur zerschellt. Mit zugegeben anderen Konsequenzen. Der aufmüpfige McNulty muss zur Wasserschutzpolizei, weil er nicht gehorcht. In den Flachbauten zieht man den Kopfschuss vor. Zwischen diesen beiden Welten bewegen sich Figuren wie der Heroinveteran Bubbles als Polizeispitzel oder der beinahe geisterhafte Omar Little, der als Rächer mit Schrotflinte Drogendealer ausraubt. Und Avon Barksdales Neffe D'Angelo, dessen kriminelle Ambition mit seinem Gewissen aneinandergerät.

The Wire spannt zwischen allen einen riesigen Erzählbogen. Ohne Musik. Mithin verzichten manche Folgen auf dramaturgische Höhepunkte. Selten hat eine Kamera mitleidsloser zugeschaut, wie ein Mann erschossen wird. Aber für Mitleid ist in dieser Stadt weder Platz noch Geld. Die Hafenarbeiter stehen frierend vor dem Jobbüro. Die Schulen gehen unter in Gewalt. Ein Senator nimmt lächelnd einen Koffer entgegen. Und an einer dieser Backsteinfassaden dort steht: "Bodymore Murdaland." David Simons Serie ist die große Erzählung über den Verfall einer Stadt. Ohne Aussicht auf ein Happy End. Nicht hier.