Es muss schwer sein für einen Künstler, wenn der Erfolg gleich am Anfang kommt. Tom Tykwer war 33, als er 1998 mit Lola rennt seinen Durchbruch hatte. Lolas roter Schopf leuchtete über die ehemals graue Mauerstadt Berlin und ließ sie plötzlich als einen großen Spielplatz erscheinen. Der Film wurde zum Symbol für das neue, experimentierfreudige deutsche Kino. Die Filmwelt liebte den jungen Regisseur, sogar der Deutsche Filmpreis wurde nach seinem Erfolg benannt: seit 1999 heißt er "Lola".

Was soll da noch kommen? Es kam einiges: Das Riesenprojekt Das Parfüm , die Verfilmung des Süskind-Romans, der als unverfilmbar galt, wurde unter Tykwers Regie zu einer der erfolgreichsten Produktionen im deutschen Kino. Geliebt wurde er dafür nicht, sondern gnadenlos verrissen. Tykwer stieg noch höher auf: 2009 eröffnete er mit  The International die Berlinale. Die Hollywood-Produktion war ein solider Action-Thriller und besser als der Bond-Film, der wenig später in die Kinos kam. Aber geliebt wurde Tykwer auch dafür nicht. Eher ignoriert.

Jetzt ist er wieder hier. In Berlin, wo alles seinen Anfang nahm. Mit seinem Film Drei habe er nach längerer Zeit mal wieder etwas über Leute machen wollen, "die ich wirklich zu kennen glaube", sagte Tykwer dem KulturSpiegel . Die Aufbruchsstimmung der Neunziger, der Lola -Dekade, sind einem gesettelten Status Quo der Nuller Jahre gewichen.


Auch das Paar, das Tykwer in den Mittelpunkt seiner Geschichte stellt, Hanna (Sophie Rois) und Simon (Sebastian Schipper), hat seine Entdeckerzeiten hinter sich. Sie haben viel erlebt, aber über die Beschäftigung mit der Gegenwart ihre Zukunft aus den Augen verloren.

Die Probleme, die Mittdreißiger bis Mittvierziger unserer Zeit bewegen, stellt Tykwer sehr realistisch dar: den Tod der Eltern, die Frage, ob man nun Kinder haben möchte oder keine. Ob man heiraten sollte oder nicht. Ob man sich trennen soll oder zusammen bleiben.

Jedes dieser Themen würde für sich genommen einen Film tragen. Das Problem ist, dass Tykwer sie alle unterbringen will und zwar ausführlich. Im Falle der Hauptfigur Simon sieht das so aus: Seine Mutter Hilde (Angela Winkler) erkrankt an Bauchspeicheldrüsenkrebs, entscheidet sich für den Freitod, wird gerettet und bleibt am Leben, allerdings hirntot, wird an lebensverlängernde Maschinen angeschlossen, die der Sohn abschaltet, und lässt sich posthum bei Gunther von Hagens plastinieren.

Vor so viel Drama kann es schon mal passieren, dass der bis dato brav heterosexuell lebende Simon auf einmal seine homosexuellen Neigungen entdeckt und zum anderen Ufer hinüberschwimmt (im Film passiert die Kontaktaufnahme tatsächlich im Schwimmbad). Simon ist im Übrigen zuvor an Hodenkrebs erkrankt. Während der Operation, bei der ihm ein Hoden entfernt wird, erfährt er, dass die OP-Schwester nach einem One-Night-Stand mit ihm vor vielen Jahren abgetrieben hat. Aber das nur am Rande.

 

Worum geht es aber eigentlich? Der Filmtitel sagt: um eine Dreiecksbeziehung. Ein Mann (Simon) und eine Frau (Hanna) verlieben sich in denselben Mann (Adam). Und diese Geschichte erzählt Tykwer tatsächlich sehr gefühlvoll und wissend. Es ist die Geschichte zweier Menschen, die glauben, mit der Leidenschaft schon abgeschlossen zu haben, auf einmal aber neu entflammt sind.

Objekt ihrer Leidenschaft ist Adam, verkörpert von Devid Striesow, dem Striezi aus dem Osten, gern besetzt für den Typ des Halbseidenen. Adam ist so eine Art Wonderboy mit Hirn. Er arbeitet als Stammzellenforscher, kann aber auch Fußballspielen, Schwimmen, Singen, Taekwondo, Segeln. Und er hat kein Problem damit, Sex mit Menschen beiderlei Geschlechts zu haben.

Tykwer hat glücklicherweise kein Problem damit, die hetero- und homosexuellen Szenen ganz unverkrampft darzustellen. Er zeigt Sex ohne Komik, ohne falsches Pathos. So, wie er sein sollte zwischen zwei Menschen, die zum ersten Mal miteinander schlafen: aufregend und ungestüm. Vor allem die homosexuellen Szenen sind von einer Offenheit und Sinnlichkeit, die es im deutschen Film bisher selten zu sehen gab.

Am stärksten ist Drei in den Szenen, in denen gar nicht gesprochen wird. Zum Beispiel, wenn Hanna nach ihrer ersten Nacht mit Adam am Morgen wieder in die gemeinsame Wohnung zurückkehrt. Als sie feststellt, dass auch Simon die Nacht nicht zuhause verbracht hat, sieht man, wie ihr ein Gedanke durch den Kopf huscht. Der Gedanke, dass der Mann, mit dem sie fast 20 Jahre ihres Lebens verbracht hat, plötzlich verschwunden sein könnte. Und die Frage, ob sie diese Vorstellung erschreckend oder eher erleichternd fände.

Hätte sich Tykwer auf diese Fragen konzentriert, hätte er sich auf das reduzierte und sensible Spiel seiner drei Hauptdarsteller verlassen, es hätte ein interessanter Film  herauskommen können.

Aber er tut es nicht. Nicht nur, dass er die Handlung heillos überfrachtet, er versieht auch jede nur denkbare Szene mit einem "Achtung! Zeitgeist!"-Stempel. In der U-Bahn liest ein junger Mann Moby Dick auf dem E-Reader, Adams Sohn spielt fanatisch ein Reallife-Rollenspiel und wenn Hanna und Simon durch eine Ausstellung gehen, muss die sich natürlich um islamische Kunst drehen.

Letztendlich geht es in Drei nicht um die Liebe oder die Leidenschaft. Das eigentliche Thema des Films ist die Moral. Stammzellenforschung – gut oder böse? Sterbehilfe – gut oder böse? Partner betrügen – gut oder böse?

Am Ende ist Drei leider wieder ein sehr konventioneller Film: Wie so oft, wenn die Handlung feststeckt, muss ein Kind geboren werden. In diesem Fall wird Hanna schwanger, die natürlich nicht weiß, ob der Vater nun ihr Ehemann oder der Liebhaber ist. Zuletzt sehen wir die drei Protagonisten wie in einer Versuchsanordnung um ein weißes Bett herumstehen. Die Schwangerschaft als moralische Rechtfertigung für ein Dreiecks-Verhältnis: Das ist nicht fortschrittlich, das ist zutiefst konservativ.