Am Anfang ein Bild: hell gestrichene Häuser, die dicht an dicht unter einem strahlend blauen Himmel stehen. Zwei Kirchtürme sind zu sehen und das Minarett einer Moschee. Ein friedliches, ein schönes Bild. Dann schwenkt die Kamera über die Stadt, in der es, wie man weiß, alles andere als friedlich zugeht: Betlehem, Westjordanland. Die Kamera fährt eine Straße entlang und fängt eine Gruppe von Männern ein, die versuchen, ein altes Foto von sich nachzustellen. Es wurde 1989 aufgenommen, als die Männer noch Kinder waren und mit Steinen auf israelische Polizisten und Soldaten warfen. Damals war die Zeit der ersten Intifada. Siegesgewiss recken die Jungen ihre Finger im Victory-Zeichen in die Luft und lachen in die Kamera. Was ist aus ihnen geworden, was haben sie die vergangenen 20 Jahre gemacht?

Das sind die Fragen, die sich die Filmemacher Peter Krieg und Monika Nolte gestellt haben. Das Bild war von einem Fotografen während einer Dokumentation über die erste Intifada in Bethlehem aufgenommen worden. Die Filmemacher fuhren jetzt noch einmal in die Stadt im heute autonomen Westjordanland, um die Jungen von damals zu treffen. In kommentarlosen Bildern begleiten sie die Männer durch ihren Alltag. Schnell wird deutlich, wie schwer das Leben nach der zweiten Intifada und dem Bau der israelischen Mauer geworden ist, die die Stadt fast vollständig eingeschlossen hat. "Als Kinder fuhren wir nach Jerusalem, obwohl wir erst neun oder zehn Jahre alt waren", sagt Mosa Masalmeh. "Niemand hat uns daran gehindert. Wir konnten uns frei bewegen. Wir konnten kommen und gehen, wie wir wollten. Heute traut sich keiner mehr vor die Tür."

Oder der Vater von Mohammed und Khader Kwazba: Er arbeitete für eine israelische Busgesellschaft und war unter den 18 Arbeitern eines Reparaturtrupps der einzige Araber. Er sagt, sie hätten sich sehr gut verstanden. Heute kann er mit seinen ehemaligen Kollegen nur noch telefonieren. Im abgeriegelten Westjordanland gibt es kaum Arbeit und die, die es gibt, ist anstrengend und wird schlecht bezahlt. Mosa, der von morgens bis abends Hühner schlachten muss, sagt, er würde in jedes Land der Welt gehen, das ihn und seine Familie aufnimmt, nur damit seine Kinder eine bessere Zukunft haben.

Bei allem Verständnis für die Wichtigkeit der Botschaft des Films, dass die Verhältnisse in den autonomen Gebieten unmenschlich und die Folge einer fragwürdigen israelischen Politik sind, fragt sich der Zuschauer, weshalb Robert Krieg und Monika Nolte ihre Bilder nahezu unkommentiert lassen. Kinder der Steine. Kinder der Mauer ist ein engagierter Film, der das Prinzip des Direct Cinema bis auf wenige Eingriffe der Autoren durchhält. Aber unkommentierte Bilder geben eben nur vermeintlich ein objektives Bild der Wirklichkeit wieder. Vieles, was den Konflikt so schwierig macht, kommt im Wortsinne nicht zur Sprache, weil die Filmemacher kaum Fragen dazu stellen. Und wenn, nicht nachfragen. So wie am Ende des Films, als die Gruppe auf einem Dach über Betlehem zu sehen ist. Die Filmemacher wollen wissen, wie die Männer zu Hamas und Fatah stehen. Sie beginnen sich zu streiten, um dann aber gleich wieder, nach Ermahnung von Mohamed Kwazba, ihre Hände als Zeichen der ewigen Freundschaft übereinander zu legen.

Man muss schon genau hinsehen, um die Konflikte zu erahnen, die hinter der Atmosphäre von Harmonie, Freundschaft und Martyrium stecken, die von den Männern beschworen wird. Man hätte zum Beispiel gerne gewusst, woher Mosa Masalmehs Frau ihr blaues Auge hat. Oder was sie über die Israelis denken? Geben die Filmemacher ihre Zurückhaltung auf und stellen eine Frage aus dem Off, wird die harmonische Stimmung unter den Männer und ihren Familien aufgebrochen. So fragen die Filmemacher Mohamed Kwazba, ob er einen israelischen Pass annehmen würde. Er lehnt ab, aber seine Frau, die neben ihm sitzt, würde israelischer Staatsbürger werden, sie will reisen und ein besseres Leben führen können. Da erklärt Mohamed, plötzlich aggressiv, dass sie damit ihre Identität verlieren und es nie einen palästinensischen Staat geben würde. Seine Frau lenkt daraufhin ein und formuliert die schwammige Hoffnung, dass es die nächste Generation vielleicht besser haben werde.

So erscheinen die Kinder der israelischen Besatzung von einst in Kinder der Steine. Kinder der Mauer heute als friedfertige Freunde, die sich aufopfern für ihre Familien und nur unter einer Sache leiden: den Israelis, die das Land trotz seiner Autonomie fest im Griff haben.