Lisa Cholodenkos lesbischer Familie in The Kids Are All Right über Tom Tykwers Dreieicksgeschichte Drei bis hin zu dem neuen Film von Rudolf Thome, Das rote Zimmer. Der Film ist im Grunde das Pendant zu Tom Tykwers Film. Auch bei Thome geht es um drei Liebende, jedoch nicht um zwei Männer und eine Frau, sondern um zwei Frauen und einen Mann.

"Die Liebe ist ein seltsames Spiel", sang vor 50 Jahren Connie Francis. Das Lied passt zu einer Reihe von Filmen, die derzeit in den Kinos laufen. Wobei sich das "seltsam" des Schlagers in der Bedeutung von "rätselhaft" und "sonderbar" auf das Auf und Ab monogamer heterosexueller Liebe bezog. Das Seltsame der heutigen Filme geht darüber hinaus – von

Dr. Fred Hintermeier ist Philematologe an einer Berliner Universität, das heißt, er erforscht die Reaktionen des Körpers auf das Küssen. Das klingt wie eine Erfindung von Woody Allen, aber diese Forschung gibt es wirklich. Über das Küssen versucht Hintermeier mehr über die emotionalen Abläufe im Körper des Menschen zu erfahren. Es setzt eine ganze Reihe von messbaren physiologischen Reaktionen in Gang, denn sowohl die Lippen als auch die Zunge enthalten besonders viele Nervenzellen. Hintermeiers Frau brachte allerdings wenig Verständnis für das Forschungsinteresse ihres Mannes auf und hat die Scheidung eingereicht. Sie hält nichts mehr von ihm: "Du bist und bleibst ein elender Macho." Peter Knaack, der sehr gute, im Kino nur selten zu sehende Burgschauspieler, spielt diesen Mann in einer Mischung aus naiver Ratlosigkeit und vermeintlicher Männlichkeit, beinahe schon zurückhaltend weiblich.

Dominant sind in diesem Film die Frauen, Luzie und Sibil, in ihrer Selbstgenügsamkeit, wunderbar gespielt von Katharina Lorenz und Seyneb Saleh. Sie sind aktiv und treiben die Geschichte voran. Sie wohnen in einem blauen Holzhaus auf dem Land irgendwo in Vorpommern. Luzie schreibt an einem Roman und Sibil, die Jüngere der beiden, lebt in den Tag hinein. Sibil versteht nicht, warum ihre Freundin Männer braucht, ist sie doch auch ohne sie mit Luzie glücklich. Aber ihre Freundin will unbedingt "die Seele des Mannes erforschen". Sie sagt, Männer seien "das Salz in der Suppe". Um an Forschungsobjekte zu gelangen, fahren die beiden von Zeit zu Zeit nach Berlin.

In einer Buchhandlung trifft Luzie dann Fred Hintermaier, den sie mit mehr oder weniger eindeutigen Avancen in ihr Haus einlädt. Sibil hat währenddessen einen weiteren Kandidaten aufgetan. Auf die Frage, was in ihm vorgeht, wenn er mit einer Frau schläft, antwortet dieser: "Dann tauche ich ein in das ganz große Mysterium der Liebe." Die beiden Frauen schicken ihn ziemlich schnell wieder nach Hause.

Zwischen Fred und den jungen Frauen entwickeln sich hingegen langsam Beziehungen. Man denkt: ein Mann, zwei Frauen – die ewige Männerfantasie! "Alle alten Männer träumen vom Harem, da bist du keine Ausnahme", sagt denn auch Luzie zu Fred und es scheint gar nicht zu ihr und Sibil zu passen, sich die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Am Ende findet Thome für die drei einen Schluss, der an den Realismus der Liebesgeschichten von Henry James erinnert.

Thome gelingt es, die Geschichte dieser Ménage-à-trois überzeugend, aber auf angenehm undramatische Weise, mit leisen Tönen zu erzählen. Das ist auch wörtlich zu nehmen, denn Thome hat seinen Film mit der wunderbaren Musik von Katia Tchemberdij unterlegt. Eine zurückhaltende Musik, die etwas Gegenläufiges hat und nie, wie so häufig in konventionell inszenierten Filmen, zur Verstärkung der Gefühle eingesetzt wird, sondern eher wie ein zusätzlicher Kommentar zu den Bildern und Dialogen wirkt und damit zur Differenzierung der Geschichte beiträgt. Thome, in dessen Filmen stets die Liebe im Zentrum steht, ist – wie seine Helden – ein Forscher; ein Forscher der Seltsamkeiten der Liebe. Übrigens: Das Wort "seltsam" stammt von "selten" und von "sehen" ab. Und Das rote Zimmer ist genau das: ein Film über eine seltene Liebe, gesehen mit einem anderen, mit einem besonderen filmischen Blick.