Valerij rennt, sein Keuchen hallt durch die Nacht. Er hetzt in die Zentrale der Verwaltung, durch niedrige Gänge, den Parteiverantwortlichen hinterher. Es ist etwas passiert in Tschernobyl, in dieser Nacht zum 26. April 1986. Das Dach von Block 4 brennt. Valerij hat Feuerwehrwagen gesehen, doch die Aufregung hält sich in Grenzen. Die Partei hat schließlich immer gesagt, Atomkraft sei nicht gefährlich. Und der Reaktor in Tschernobyl absolut sicher. Störfall ausgeschlossen.

Valerij lässt sich nicht abschütteln, wie ein lästiger Hund hängt er sich an seinen Vorgesetzten, der ihn nach Hause schicken will. Dann gerät er in eine Versammlung der Werksleitung hinein, die gerade Anweisung aus Moskau erhält, die Sache ja nicht hochzuspielen. "Morgen ist Samstag. Sollen wir das Leben anhalten?"

Einer der Funktionäre zerrt Valerij ins Auto und fährt mit ihm direkt vor den qualmenden Reaktor. So schlimm werde es schon nicht sein, sagt er. Valerij reißt sich los und rennt wieder, so schnell er kann, weg von dem verseuchten Ort, weg von den unsichtbaren Strahlen des Todes, die die Stadt durchdringen.

V Subbotu ( An einem Samstag ), der Wettbewerbsbeitrag des russischen Regisseurs Alexander Mindadze spielt am Tag der Reaktorkatastrophe in Prypiat, einer Stadt in der Nähe von Tschernobyl. Und dieser Tag ist dort tatsächlich ein "ganz normaler Samstag". Valerij ist einer der wenigen, die überhaupt von dem Reaktorunfall wissen. Er wird zur Kassandra von Tschernobyl, ohne zu wissen, wie er mit seinen Informationen umgehen soll.

Er beschließt, mit seiner Freundin Vera zu fliehen. Frühmorgens zerrt er sie aus der Dusche und zum Bahnhof. Doch die beiden verpassen den Zug. Vera hat für die Flucht ihre Ausgehschuhe angezogen und verliert einen Absatz. Dann fehlt auch noch Veras Ausweis, der ist verpfändet für die Instrumente ihrer Band, mit der sie auf Hochzeiten auftritt. Also schnell noch dorthin gerannt.

Es ist zum Wahnsinnigwerden, Valerij auf seinem Fluchtweg zu folgen, der immer und immer wieder verbaut wird. Und zwar durch so profane Dinge, wie einen abgebrochenen Absatz und ein wenig Trinkgeld auf einer Hochzeit. Denn als Vera erst einmal die Gaststätte betreten hat, denkt sie sich: Ein bisschen Geld für die Flucht kann nicht schaden. Und so macht sie sich nicht auf den Weg zum Bahnhof, sondern singt auf der Bühne Volkslieder für die betrunkene Hochzeitsgesellschaft. Diese kleinen "Störfälle" zeigen den grundsätzlichen Unglauben, dass so etwas, wie ein atomarer Störfall überhaupt eintreten kann. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.