Tatort kennt. Achtung, gleich passiert etwas Furchtbares. Doch niemand wird ermordet, kein Alien schießt aus einem dunklen Schacht. Es ist nur ein alter Bahnhof.

Quälend lange Sekunden hält die Kamera drauf: Auf jenen Moment am 25. August 2010, als die Schaufel des Abrissbaggers sich zum ersten Mal in den Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs verbeißt. Dazu dröhnt aus den Kinolautsprechern ein dunkler Sound, wie man ihn aus dem

Stuttgart 21 - Denk mal! ist ein Dokumentarfilm über diesen Bahnhof und vor allem über die Protestbewegung gegen seinen milliardenteuren Umbau. Ein Jahr lang, seit Januar 2010, haben Lisa Sperling und Florian Kläger die Proteste gegen das Bauprojekt Stuttgart 21 gefilmt. Anfangs ohne bestimmtes Ziel und mit verschiedenen Kameras. Die Idee, das Material zu einer Dokumentation zu montieren, kam erst später.

Es sind diese Produktionsumstände, die den Film sympathisch machen: Oft wacklig gedrehte, dafür aber erfrischende Nahaufnahmen der frühen Montagsdemos mit noch wenigen Teilnehmern. Doch das nachträglich aufgestülpte Konzept, der Versuch, den Bildern etliche Monate später einen Erzählstrang zu geben, nimmt ihnen zugleich die dokumentarische Kraft.

Da sind etwa die Protagonisten, die in loser Folge zwischen die Demoszenen geschnitten wurden: Ein Journalist, ein rüstiger Bankdirektor a.D., ein Theaterregisseur und eine Kunsthandwerkerin, die sich selbst als unpolitisch bezeichnet.

Das Erzählpersonal bedient das Medienbild des Widerstands aus der Mitte des Bürgertums ermüdend stereotyp. Eine Ausnahme sind Nicole und Roland Döring. Die beiden sind blind und demonstrieren regelmäßig gegen den geplanten Neubau, weil der alte Kopfbahnhof mit seinen ebenerdigen Gleiszugängen behindertengerechter sei.

Die Gespräche mit allen Protagonisten wurden erst im Winter geführt. Nach der Gewaltorgie vom 30. September im Schlossgarten, als Polizisten auf dort versammelte Schülergruppen einprügelten, und nach Heiner Geißlers Schlichtungsverfahren. Im kollektiven Bewusstsein war Stuttgart 21 da schon längst zum Sinnbild des aufmuckenden Bürgers geworden. Was die Protagonisten zu diesem Zeitpunkt noch zu erzählen haben, sind sorgfältig ausformulierte Standpunkte, sie sprechen über die Ereignisse des zurückliegenden Jahres aus der Warte von Historikern, jeder auf seine Art.

Wie viel spannender wäre es aber gewesen, sie im Lauf der Ereignisse zu hören, sie in impulsiven Momenten zu sprechen, ihre Entwicklung so zu verfolgen, wie der dokumentarische Teil des Films den Ereignissen folgt. Was fühlte wohl der Bankdirektor am Abend des 30. September? Wir erfahren es nicht.