Serengeti sind für das menschliche Auge normalerweise gar nicht erkennbar. Dass wir sie doch wahrnehmen können, ist einer rund 100.000 Euro teuren Zeitlupenkamera zu verdanken, die bis zu 2000 Bilder pro Sekunde aufnehmen kann. Manchmal hat man den Eindruck, dass die Bilder auf der Leinwand fast zum Stehen kommen.

Ein Krokodil schnappt sich ein Gnukalb. Ein Fisch entwindet sich im letzten Moment dem Maul eines anderen Krokodils. Ein Flusspferd platscht so heftig durchs Wasser, dass sich die Tropfen über die gesamte Kinoleinwand zu verteilen scheinen. Einige Szenen aus Reinhard Radkes Film

Radke erzählt in seiner Dokumentation von der einzigartigen Tierwanderung durch das größtenteils in Tansania gelegene Serengeti-Gebiet: Fast zwei Millionen Huftiere bewegen sich Jahr für Jahr zwischen Regenzeit und Dürre durch die 30.000 Quadratkilometer umfassende Savannenregion. Sie folgen tradierten Laufwegen, daher war es Radke und seinen Teammitgliedern möglich, die Kameras – darunter auch ferngesteuerte Geräte, die mit Metallboxen getarnt sind – so zu platzieren, dass man den Tieren sehr nahe kommt. Die Gnus stehen im Zentrum der Dokumentation, sie sind die Identifikationsfiguren des Films. Man fühlt sich bei ihrer Wanderung erinnert an Geschichten von großen Karawanen, an Siedlertrecks in Western, an körperliche Hochleistungen in der Natur.

Trotz mancher tödlicher Kämpfe zwischen den Tieren herrscht in Serengeti eine fast meditative Atmosphäre. Wir sehen Tiere in erschöpftem Zustand, in Siesta-ähnlichen Ruhephasen. Die meisten Action-Szenen habe man wegfallen lassen, sagt Radke. Unter bildästhetischen Aspekten ragen neben den Zeitlupen einige fast schon gemäldeartige Panoramen heraus. Einmal fängt Radke eine Massenszene mit mehreren Hunderten Gnus ein, die in einem Meer aus Gras zu sehen sind. Ein weiterer Höhepunkt des Films ist der Versuch der Gnus, 15 Meter hohe Steilwände zu überwinden. In solchen Momenten vergisst man als Zuschauer, dass das Serengeti-Gebiet schon Schauplatz vieler Filme war – der bekannteste ist sicherlich Serengeti darf nicht sterben, für den der deutsche Tierfilmpionier Bernhard Grzimek 1959 einen Oscar gewann.

Es wird einem klar, warum es einen Kinofilm gebraucht hat, um der Einmaligkeit der Landschaft gerecht zu werden. Die Opulenz der Bilder lässt sich erst dank einer großen Leinwand auskosten. Weil Serengeti fürs Kino gemacht wurde, kann er sich auch seinen ruhigen Erzählrhythmus erlauben. Im Fernsehen ist das kaum möglich, weil die Programmstrategen befürchten, die Zuschauer zappten weg, wenn es an oberflächlichen Reizen mangelt.

Der Vergleich zwischen Kino und Fernsehen liegt nahe, denn Serengeti ist ein Kinofilm, der aus dem TV-Milieu kommt. Die Idee entstand in der Abteilung NDR Naturfilm, die beim Studio Hamburg angesiedelt ist. Der Regisseur Radke war 13 Jahre lang Redakteur beim ZDF. Es ist erst die zweite Kinoproduktion von NDR Naturfilm und die erste originäre. Die andere – Russland, im Januar gestartet – ist eine fürs Kino neu zusammengeschnittene Kompilation aus sechs TV-Filmen. Damit bezieht man sich durchaus auf die eigene Geschichte, denn Heinz Sielmann, der Erfinder der NDR-Reihe Expeditionen ins Tierreich, hat bereits in den fünfziger Jahren Filme fürs Kino gedreht – vor seiner TV-Zeit. Expeditionen ins Tierreich gibt es immer noch, und anlässlich des Starts von Serengeti nutzt der NDR die Sendung nun zur Cross Promotion: Ein Tag vor dem Kinostart, am 2. Februar 2011, läuft dort ein Making of.

In Serengeti vergehen gefühlt ein paar Minuten, bis der Sprecher Hardy Krüger jr. die ersten Worte spricht. Im Fernsehen wäre eine derartige Sprachlosigkeit zu Beginn undenkbar. Krüger jr., der einen Teil seiner Kindheit in Tansania verbrachte, trägt mit seiner zurückhaltenden Art einiges zum Gelingen des Films bei, auch wenn seine Stimme manchmal etwas übertrieben raunt.