"Das Leben ist sauer und süß", erklärt der alte Bäckermeister Rikard Rheinwald seinem Jungen. "Die Milchsäure- und Hefebakterien liefern sich einen Kampf." Die Regisseurin Pernille Fischer Christensen hat ihren dritten Kinofilm mit großen Gegensatzpaaren ausgestattet. Das Drama Eine Familie erzählt mit Leichtigkeit und Schwere von Schwangerschaft und Sterben, Tradition und Moderne, Familienbindung und Selbstbestimmung.

Am Anfang regiert die Heiterkeit. Eine musikalisch beflügelte Montagesequenz aus schwarz-weißen Fotografien lässt die Familiengeschichte der stolzen Rheinwalds auferstehen. Mit nichts als einem Sack Getreide wanderte der Urgroßvater einst aus Deutschland ein. Sein Sohn machte aus der kleinen Kopenhagener Bäckerei ein erfolgreiches Unternehmen, mit dem sein Sohn Rikard schließlich zum offiziellen königlichen Hoflieferanten aufstieg. Rikard hat zwei erwachsene Töchter aus erster Ehe und zwei kleine Kinder mit seiner Lebensgefährtin Sanne. Die Rheinwalds sind eine traditionsreiche, moderne Patchworkfamilie.

 
Alle Familienmitglieder verbindet die Leidenschaft fürs Brot. Die Bilder vom Set der Backstube duften geradezu nach frischen Brötchen, Kuchen, Kringeln. Das Leben ist glücklich in diesem Clan. Und als Rikards Lieblingstochter, die Galeristin Ditte, ein Jobangebot aus New York bekommt, scheint es perfekt. Mit ihrem Lebenspartner, dem Künstler Peter, beschließt sie, das Angebot anzunehmen und damit einen gemeinsamen Traum zu verwirklichen.

Doch dann erkrankt Vater Rikard schwer und wünscht, die Zukunft seiner Bäckerei in die Hände von Tochter Ditte zu legen. Fortan regiert das Unglück. Zerrissen zwischen dem Wunsch nach Selbstverwirklichung und dem Pflichtbewusstsein gegenüber der Familie, ist Ditte gezwungen, Entscheidungen zu fällen, die so oder so ein Oper erfordern: von ihrem Freund, ihrem Vater oder von ihr selbst.

Die Regisseurin Christensen interessiert sich für die negativen wie für die positiven Seiten von Familienbanden. Ihre kontrastreiche Erzählweise ist jedoch allzu leicht durchschaubar: erst die überschwängliche Happiness der Exposition, dann das bedrückende, einstündige Krankenleiden; hier das kunstbeflissene Liebespaar zwischen hellen Wänden, dort der mürrische Zänker zwischen dunklen Möbeln; zum einen fröhliche Popsongs, zum anderen elegische Filmmusik (von Sebastian Öberg) für Cello und Klarinette. Obendrein bleiben die Nebenfiguren, obwohl sie allesamt früh eingeführt werden, recht unterentwickelt.

Dass Eine Familie trotzdem zu fesseln vermag und über weite Strecken überzeugen kann, liegt zum Gutteil daran, dass auch Erwartungen an einen dänischen Familienfilm erfüllt werden. Der steht häufig für eine radikale Demontage scheinheiliger Fassaden wie in Thomas Vinterbergs Dogma-Film Das Fest . Auch die Regisseurin Christensen nutzt einige Elemente des Dogma-95-Stils: das Drehen mit einer Handkamera (wenn auch Cinemascope), an realen Drehorten, unter meist natürlichem Licht und ohne künstliche Dramatik. Das sorgt für Natürlichkeit und lenkt die Konzentration auf das innere Drama – und damit auf die Schauspieler.

Lene Maria Christensen (die Namensgleichheit aller Christensens ist zufällig) spielt die Zerrissenheit ihrer Ditte eindrücklich. Mit herausragender Intensität spielt James Bond-Schurke Jesper Christensen das dahinsiechende, herrische Familienoberhaupt. Dabei verharrt die Kamera immer einen Moment lang über das nötige Maß hinaus auf den Gesichtern der Menschen, um noch ein bisschen tiefer einzutauchen in ihre Qualen und ihr Glück – das Saure und das Süße.