Nackte Füße tänzeln umeinander, Beine verhaken, Arme umschlingen sich. Während des Trainings in einem Berliner Aikido-Verein berühren sich die Körper. Männer und Frauen ziehen sich sogar im selben Raum um. Eine große Sache für Emel Zeynelabidin, die mit Mitte 40 begann, nachzuholen, was andere in der Pubertät erlebten: verliebt sein, sich mit Männern anfreunden, sie auch mal berühren wie eben beim Sport. Der Dokumentarfilm "Hüllen" von Maria Müller zeigt Emel nach der Trainingsszene beim Friseur, wie sie sich Gedanken macht über ihre Frisur.

Denn 30 Jahre lang trug die gläubige Muslimin ein Kopftuch, das, wie sie sagt, "ihre Wildheit gebändigt hat". Damit meint Emel nicht nur ihre Locken. Sie erzählt, wir ihre Mutter ihr einst das Kopftuch zusammen mit den ersten Monatsbinden in die Hand drückte. Sie wusste, es gehört dazu. Sie kam nicht darauf, sich zu wehren. Kurz nach dem Abitur heiratete sie Ahmed, den sie kaum kannte. Auch das war kein Grund für einen Aufstand, obwohl die junge Emel gar kein Interesse an ihm oder überhaupt an Männern hatte. Sie war einfach eine brave Tochter, die ihren Vater sehr verehrte. Niemand hat sie wirklich gezwungen.

Die 49-jährige Emel, die das Kopftuch abgelegt und Mann und Kinder verlassen hat, steht im Zentrum der Dokumentation über verschleierte Muslima. Sie sagt im Nachhinein, die Behauptung "jede Frau ist frei, ist falsch". Sie sagt auch: "Frauen tragen das Kopftuch für die Männer." Und diese sollten endlich Klartext reden, dass sie die Verhüllung ihrer Frauen nicht mehr brauchen. Die Filmemacherin Müller stellt sich an Emels Seite und hat sie begleitet, wenn sie heute zum Aikido geht, Theater spielt, sich öffentlich in die Kopftuchdebatte einmischt und sowohl gegen ein Kopftuchverbot plädiert wie auch dagegen, "dass Muslime sich so an die Verhüllung klammern".

Neben ihr lässt die Regisseurin Müller aber auch die ältere und die jüngere Generation, Emels Mutter und Tochter, zu Wort kommen. Die Mutter war einst den umgekehrten Weg gegangen. Als junge Frau tanzte die geschiedene Sevim in Istanbul Tango. Erst mit 29 Jahren und in Deutschland begann sie sich zu verhüllen. Heute hält sie ihr altes Leben für das einer Sünderin im Sinne des Islam und Emels für einen Irrweg.

Auch Emels Tochter, die selbst schon Mutter ist, findet keine Begründung mehr dafür, dass sie ein Kopftuch trägt. Sie fürchtet allerdings, dass es sie in Schwierigkeiten bringen würde, wenn sie "das jetzt weiterdenken würde", sagt sie vor der Kamera. Sie beginnt die Radikalität ihrer Mutter zu verstehen und ist gleichzeitig verletzt von ihr.

Die Dokumentation kommt mit ihren ruhigen Bildern sehr nah an die Figuren heran. Die Verunsicherung zwischen Mann und Frau, Mutter und Tochter, die Verletztheit der Kinder, spiegeln sich in deren Gesichtern und Gesten und in ihrer Suche nach Worten. Der Film lässt sich auch viel Zeit für Zwischentöne. Zum Beispiel mit Ahmed, Emels Ex-Mann. Er hat ein enges Verständnis "vom geraden Weg", den ein Muslim zu gehen habe. Er erklärt seinen Glauben an die Dschinn, die Teufel, die seine Frau besessen haben könnten, und lacht dabei immer wieder unsicher. Maria Müller zeigt den arrangierten Ehemann nicht als ehrverliebten Macho, sondern als sanften Menschen, der sich eben nun selbst um die Kinder und die Wäsche kümmert, mit seiner Ex-Frau aber noch ins Restaurant geht. Er erscheint uns als einer, der die Harmonie gesucht hat, sie mit der wilden Emel aber nie finden konnte.

Leider lässt der Film aber auch ein paar wichtige Fragen außen vor: Unter welchen Zwängen steht die Tochter? Der von der ganzen Familie so verehrte, früh verstorbene Vater Emels war Mitbegründer des muslimischen Verbandes Mili Görüs in Deutschland. Dieser Verband galt dem Verfassungsschutz als fundamentalistisch und antisemitisch. Das wird in "Hüllen" nur sehr beiläufig erwähnt. Welche Rolle er im Leben Emels oder dem ihrer Tochter spielte, bleibt unbeantwortet.

Trotz dieser Lücken, wirkt der Film überzeugend, weil er behutsam mit den Menschen umgeht – ganz so wie Emel selbst mit ihrem neuen, wilden Leben. Sie zieht ihre Runden in öffentlichen Schwimmbädern, die früher für sie tabu waren, dabei trägt sie aber Leggins. Sie umarmt ihre Aikido-Partner. Umziehen wird sie sich aber weiterhin lieber im Toilettenraum.