Natürlich war diese königliche Hochzeit für uns Fernsehzuschauer viel zu schnell vorbei. Aber vielleicht liegt darin auch etwas Erhebendes: Die Hochzeit ist eben nicht nur ein öffentlich-politisches, sondern auch ein privates Ereignis, weshalb sich irgendwann die Tore des Palastes schließen, die Kameras draußen bleiben und die Festgesellschaft für sich weiterfeiert. Wir aber schätzen uns glücklich, zumindest bis zur großen Balkonszene mit dem zackig-knappen Kuss (dazu später mehr!) als Zaungäste dabei gewesen sein zu dürfen.

Denn das macht die Faszination einer Royal Wedding aus: Das Private und das Politische, Leben und Amt, Liebe und Pflicht sind ganz eng ineinander verschlungen, aber doch nicht einfach identisch. Der König, beziehungsweise der Thronfolger, hat eben nicht nur einen Körper, sondern mindestens zwei. Und diese zwei Körper kommen nicht immer zur Deckung. Doch erst wenn sie ganz getrennte Wege gehen wie in der Beziehung von Charles zu Diana, bricht das Konstrukt knallend auseinander.

Für Freunde der säuberlichen Logik ist eine königliche Hochzeit eine Zumutung, weil Inneres und Äußeres nicht mehr klar zu trennen sind. Hat die wahre, authentische Liebe bei so viel Konvention, Zeremonie, Schein und Repräsentation überhaupt eine Chance?, fragt der kritische Zeitgenosse. Ist das ganze Liebestheater nicht in Wahrheit nur ein Machttheater – und noch dazu das einer demokratisch nicht legitimierten Macht?

Es ist kein Zufall, dass der wichtigste point of interest der bürgerlich wohlwollend Anteil nehmenden Öffentlichkeit bei allen königlichen Hochzeiten immer der Kuss des Brautpaars ist. Hier lechzt das bürgerliche Herz nach dem reinen Gefühl. Der höfische Verhaltenskodex möchte möglichst wenig Kuss zulassen, das bürgerliche Herz möglichst viel Kuss sehen. Denn je mehr sich das Brautpaar dem Kuss überlässt, desto mehr weist es die dunklen, fremden, uralten Mächte der höfischen Ordnung in ihre Schranken und desto ähnlicher wird es in diesem Moment dem Volk.

Im Kuss lösen sich alle Standesgrenzen auf (vergleichbar dem egalisierenden Toilettengang, der die Könige den Sterblichen annähert). In Wahrheit ist der Kuss in seinem scheinbar anarchischen Eigensinn natürlich ein wohlkalkuliertes Element des großen Staatstheaters. Die Hochzeitsinszenierung spielt mit diesem Mehr oder Weniger an Kuss ganz bewusst. Als die schwedische Prinzessin Victoria vor einem Jahr ihrem ehemaligen Fitnesstrainer das Ja-Wort gab, kam der Kuss so richtig von Herzen: Victoria ertrank geradezu in Daniel Westlings Augen – und alle waren ergriffen: ganz viel Gefühl, ganz wenig Etikette.

Als sich Kate Middleton und Prinz William auf dem Balkon von Buckingham Palace küssten, hatte das Ganze eher etwas von einem militärischen Salut mit durchgedrücktem Kreuz. Keineswegs kaltherzig, aber doch ohne demonstrative Sentimentalität. Als Luftwaffenoffizier waren Williams Gedanken vermutlich bereits bei den Fliegerstaffeln, die wenig später über den Palast hinwegdonnerten, und die er mit kennerhafter Miene ins Auge fasste, während er seiner Gemahlin mit geschürzten Lippen und nach oben gestrecktem Kopf etwas mitteilte – vermutlich wichtige technische Details der im Einsatz befindlichen Modelle. Ein Prinz ist eben nicht nur ein Liebender, sondern auch ein stolzer Offizier seiner Einheit. Doch dann kam es zu einem zweiten Kuss: auch dieser äußerst kurz, aber diesmal von mehr Adrenalin getragen, ja mit errötenden Wangen. Das Volk jubelte und ließ das Brautpaar hochleben.