Drei Jungs auf einer Brücke erproben ihren Mut. Ein einsamer Mann sieht sich in seinem Keller ein altes Videoband an. Eine junge Familie ist auf dem Weg zu einem Besuch bei ihm. Die drei Erzählstränge, die der Regisseur Marvin Kren in seinem Kurzfilm Schautag aufgreift, haben zunächst wenig miteinander zu tun. Die Jungs beginnen zu pubertieren, kämpfen mit ihren Komplexen, ihrer Rolle in der Gruppe und um Anerkennung. Als sie einen Stein von einer Brücke auf ein fahrendes Auto werfen, scheint klar zu sein, worum es hier geht: Ein Unfall wird das Leben der jungen Familie verändern.

Doch so schlicht ist der Film nicht gestrickt. Zwar greift Kren den Gedanken auf, wie das Schicksal innerhalb von Sekundenbruchteilen eine neue Richtung nimmt. Doch es geht ihm um mehr, als zu zeigen, wie die Täter zu Tätern werden und die Opfer zu Opfern. Es geht ihm um das Hinterher.

Schautag entstand 2008, in dem Jahr, in dem ein Mord als "Holzklotz-Wurf" Schlagzeilen machte: Ein junger Mann hatte einen mehrere Kilo schweren Baumstumpf von einer Eisenbahnbrücke auf die Autobahn geworfen und dabei eine 33-jährige Frau vor den Augen ihres Mannes und ihrer beiden Kinder getötet. In der Öffentlichkeit rief der Fall besonders heftige Reaktionen hervor. Vor Prozessbeginn gab es Drohungen gegen den mutmaßlichen Täter. Attacken von Brücken sind zwar selten, kommen aber regelmäßig vor und haben, wie sich jeder vorstellen kann, der selbst Auto fährt, potenziell immer tödliche Folgen. Es fällt leicht, sich den besonders brutalen Schmerz vorzustellen, einen Menschen durch eine solch sinnlose Tat zu verlieren.

In seinem Film zeigt Kren, dass die Tat den Hinterbliebenen niemals loslässt. Aber er zeigt auch, dass sie den Täter nicht loslässt. Schautag wurde 2009 auf dem Max-Ophüls-Filmfestival als bester Kurzfilm ausgezeichnet, denn Kren schiebt höchst kunstvoll Zeitebenen ineinander und enthüllt dem Zuschauer – ganz sacht zunächst, aber zunehmend verstörend – das Grauen, das die Tat ausgelöst hat.

Zum Film:

Länge: 23 Minuten; Regie: Marvin Kren; Buch: Benjamin Hessler; Kamera: Carol Burandt von Kameke; Mit: Johannes Allmayer, Anneke Kim Sarnau, Ecki Hoffmann, Brigitte Kren, Markus Schleinzer, Moritz Grabbe, Dela Dalldorf, Samuel Schneider, Karl Andrae, Johannes Philipps; Producer: HMS, Rike Steyer (Creative Producer); Schnitt: Silke Olthoff; Ton: Ulrich Kindler; Musik: Marco Dreckkötter; Produktionsleitung: Corinna Knigge; Produktion: Hamburg Media School, Filmwerkstatt