Das Spiel mit der Maske gehört zu unseren ältesten Späßen. Schauspieler der Commedia dell'Arte trieben es einst zur schönen Kunst. Obwohl die Handlung vorhersehbar und eine Textvorlage die Ausnahme war, machten sie aus sich die Figur eines traurigen Spaßmachers oder einer selbstbewussten Schönheit, indem sie sich schminkten und in ein Kostüm schlüpften. Die Begabten unter ihnen setzten Mimik, Sprache und ihren ganzen Körper ein – und verwandelten sich wahrhaftig in Harlekin und Columbine, die die Menschen zum Weinen oder Lachen brachten.

Katja Riemann und Olli Dittrich gehören gewiss zu den Talentierten dieser Kunst und auch in Otto Alexander Jahrreiss' Komödie Die Relativitätstheorie der Liebe können wir beobachten, wie gut sie sie beherrschen. Als Berliner Fahrlehrer Paul macht Dittrich zweitklassige Witze, als Agentur-Fuzzi hadert er damit, banale Werbekampagnen gestalten zu müssen, und als libanesischer Gastwirt verführt er mit entwaffnender Naivität die Kontrolleurin der Gesundheitsbehörde. Er ist dabei kahl, bärtig, alt, blass oder adrett. Er trägt zwei falsche Nasen, drei Bärte und fünf Perücken. Bis zu dreieinhalb Stunden verbrachte Dittrich vor jedem Drehtag in der Maske. Anschließend am Set soll er sich nur noch mit dem Namen seiner Figur ansprechen haben lassen. Dittrich ist ein Meister der vollständigen Metamorphose. Ein Talent, das er erfolgreich auch schon fürs Fernsehen und in der Werbung eingesetzt hat.


Katja Riemann hat ihre Kunst auf Schauspielschulen und am Theater gelernt. Sie nutzt die klassische Technik, nach der sie sich intensiv mit ihren Figuren auseinandersetzt und erst kurz vor der Klappe in die Rolle schlüpft. Als Eva und Maria spielt sie Zwillingsschwestern, die sich zwar äußerlich ähneln, aber sehr unterschiedliche Temperamente haben. Als Gabriela und Alexa mimt sie Mutter und Tochter. Jeder Hüftschwung Alexas, jeder falsch gesetzte Vokal der venezolanischen Gabriela wirkt wie von Riemann exakt geplant. Wer fünf verschiedene Hauptrollen in einem Film übernimmt, muss darauf achten, dass keine falsche Geste die Konturen der Figuren verwischt. Riemann arbeitet präzise.

Weil Riemann und Dittrich ihr Spiel so beherrschen, macht es großen Spaß, den Tricks der Schauspieler (und Maskenbildner) auf die Schliche zu kommen. Ein unterhaltsames Kinoerlebnis also. Wenn man sich darauf beschränkt.

Der Film hat zwar auch viele Handlungsstränge, sogar ein Thema: In der Liebe kommt es auf den richtigen Zeitpunkt und den richtigen Ort an, weil sich sonst die zwei Menschen verpassen. Nichts Komplexes also, genau das Richtige für eine Komödie. Jahrreiss inszeniert sie als dicht verwobenen Episodenfilm, eine Form, die dem Masken-Trallala bestens entgegen kommt. Allein: Der Witz zündet nicht.

Die Gags kündigen sich an wie ein Feuerwehrzug im Einsatz. Wenn Dittrich alias Paul zu seiner heißblütigen Frau sagt, sie wackle zu dolle mit dem Hintern, ist sicher, dass sie ebendies gleich tut. Wenn Riemann als sehr entrückte Yoga-Anhängerin 92 Tüten Milch kauft, ist nichts weiter zu erwarten, als dass sie darin baden wird. Genau das sehen wir am Ende der nächsten langen Szene.

Die Relativitätstheorie der Liebe hätte ein reizvolles Projekt werden können. Noch nie hat jemand mit nur zwei Darstellern sämtliche tragenden Rollen besetzt. Doch zu vieles wirkt, als sei in dem Kinofilm schon das künftige Fernsehpublikum vorweggenommen, das während des Films auch mal was zum Knabbern holen geht oder aufs Klo. Die Macher scheinen den Zuschauern nicht zuzutrauen, dass sie ihnen wirklich folgen wollen.

Das Schlimme: Es passiert genau das. Weil die Redundanzen so augenfällig sind, läuft man Gefahr, irgendwann abzuschalten – man ist sicher, nichts Wesentliches zu verpassen. Wie einst bei den Jahrmarkttruppen der Commedia dell'Arte könnte man bedenkenlos noch einmal um die Buden ziehen, bevor man weiter zuschaut.