ZEIT ONLINE: Ihr neuer Film Microphone feierte im vergangenen September auf dem Filmfestival in Toronto Premiere. In Ägypten gilt er als ein Film der Revolution, auch wenn er Monate vorher fertiggestellt wurde.

Ahmad Abdalla: Es geht um die Untergrund-Kunstszene in Alexandria und basiert auf wahren Erlebnissen junger Künstler, die sich im Film selbst spielen. Die Ägypter betrachten den Film mittlerweile als den Film der Revolution, weil er die Frage behandelt, inwiefern junge Menschen Veränderungen bewirken können und in der Lage sind, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten. All die Probleme, die in dem Film dargestellt werden, haben einen sehr direkten Bezug zur Revolution, auch wenn natürlich niemand absehen konnte, dass eine Revolution tatsächlich stattfinden würde. Einen sehr direkten Bezug hat der Film natürlich auch zu Khaled Said...

ZEIT ONLINE: ...dem jungen Mann, der in Alexandria von der Polizei zu Tode geprügelt wurde, und dessen Konterfei man während der Revolution auf vielen Bannern sehen konnte...

Abdalla: Genau. Es war einer der letzten Funken, der das Feuer der Revolution entfachte. Wir drehten den Film, während die Tat passierte, und natürlich fand sie auf emotionaler Ebene ihren Weg in den Film. Dazu gibt es eine bezeichnende Anekdote: Drei Monate vor der Revolution mussten wir den Film der Zensurbehörde zeigen. In einer Szene sieht man einen Graffiti-Künstler, wie er eine Wand mit dem Spruch besprüht: "Die Revolution beginnt hier". Es kam natürlich zu einem großen Streit mit der Zensurbehörde, die fragte: "Was meint ihr mit 'Die Revolution beginnt hier'? Was für eine Revolution? Es gibt keine Revolution!" Nach langen, harten Verhandlungen konnten wir sie davon überzeugen, dass das nicht wörtlich gemeint sei, sondern eine als Kunst zu verstehende Parole eines einzelnen Künstlers. 

ZEIT ONLINE: Schon in ihrem ersten Film Heliopolis aus dem Jahr 2009 haben Sie sich der Stagnation im Leben der jüngeren Ägypter gewidmet. Die Wut darüber entlud sich im Januar. Auch ein Film der Revolution?

Abdalla: Wenn wir ehrlich sind, hat keiner der beiden Filme, auch wenn es jetzt gerne so dargestellt wird, direkt mit der Revolution zu tun. Aber die Revolution lag in Kairo seit ungefähr fünf Jahren in der Luft. In Heliopolis ging es darum, dass nun der Siedepunkt erreicht ist. Wir alle fühlten, dass etwas passieren würde, dass die Frustration der Leute explodieren würde. Wir hätten nie gedacht, dass das so schnell und weitgreifend passieren würde, aber so kam es und wir sind sehr stolz darauf. In beiden Filmen geht es schlicht darum, wie meine Generation leiden musste, Tag für Tag für Tag, unter dem alten Regime, unter den alten Strukturen. Alle, mit denen ich an den Filmen gearbeitet habe, standen auf dem Tahrir-Platz, und demonstrierten für Veränderungen.

ZEIT ONLINE: Das lässt sich nicht für die gesamte Filmszene sagen. Tamer Husny, man nennt ihn auch den Justin Timberlake Ägyptens, nannte Mubarak noch kurz vor den Demonstrationen seinen Vater und ermahnte die Menschen auf dem Tahrir-Platz nach Hause zu gehen. Seine Kollegin Sameh Anwar forderte gar Luftschläge gegen die Demonstranten, da sie Ägypten zerstören würden. Auch Adel Imam, der wohl berühmteste ägyptische Schauspieler der vergangenen Jahrzehnte sprach sich für Mubarak aus. Wo stand die Mehrheit Ihrer Kollegen?

Abdalla: Es gibt einen großen Unterschied zwischen jungen, unabhängigen Filmemachern und Schauspielern, die mitbekamen, was ihn Ägypten tatsächlich auf den Straßen und unter den Menschen passierte, und Künstlern, denen es nur darum ging, ihr Leben im gewohnten Luxus weiterzuführen. Sie kümmerte weder Ägypten, noch die Kunst. Sie wollten Stabilität. Ägypten aber wollte Veränderungen. In Ländern wie Ägypten gibt es immer Künstler, die sich vom Regime als Werkzeuge benutzen lassen und daran gut verdienen. Viele Künstler schaffen sich durch Gehorsam große Vorteile. Die wissen jetzt nicht, wie sie mit den neuen Umständen arbeiten sollen. Wir schon. Wir haben sie gefordert. Und wir werden die Revolution weiterführen, denn sie hat gerade erst begonnen.

ZEIT ONLINE: Die Karrieren des schauspielerischen Establishments – zerstört?