Warum ist nicht schon längst jemand auf diese Drehbuchidee gekommen? Eine Berliner Sannyasin-Kommune zieht zu Beginn der Achtziger mit Kind und Kegel auf einen Bauernhof in ein stockkonservatives bayerisches Dorf. Es bedarf wohl einer Generation Abstand, um vergangene Pein aus humoristischer Distanz betrachten zu können. Vielleicht liegt das Thema nach dem filmischen Abfrühstücken der RAF-Ära in der Luft? Jedenfalls basiert die moderne Heimatkomödie auf den zugespitzten autobiografischen Erinnerungen von Drehbuchautorin Ursula Gruber und ihres Bruders, Produzent Georg Gruber, die als Kinder mit ihrer Mutter in einer ländlichen Bhagwan-Kommune lebten.

Mit Markus H. Rosenmüller nahm sich ein Regisseur des Themas an, der, beurteilt man ihn etwa nach seinem durchschlagenden Erfolg Wer früher stirbt, ist länger tot, ein freundlicher Mensch zu sein scheint, der Katastrophen nichts abgewinnen kann und Konflikte gern eine Nummer kleiner inszeniert. Das ist beim Thema Bhagwan-Jünger, die leichte Beute für billigen Klamauk sind, auch gut so. Zwar gibt es auch hier die erwarteten Fremdschämszenen, in denen erwachsene Menschen mit Schafslächeln in orange- und pinkfarbenen Wallegewändern herumkaspern und von "Änärdschi" schwärmen: Wer aber dabei war oder den Dokumentarfilm Guru – Bhagwan, His Secretary & His Bodyguard im vergangenen Jahr gesehen hat, weiß, dass es in Wirklichkeit noch ärger war.

Erzählt wird der Culture-Clash aus der erdnahen Perspektive der 11-jährigen Lili, die als Großstadtgöre aus Kreuzberg mit dem harschen Regiment in der örtlichen Schule und mit den schrägen Blicken der anderen Kinder klarkommen muss. Mutter Amrita und die anderen Sannyasins sind mit dem Aufbau eines Therapiezentrums, hauptsächlich aber mit sich selbst beschäftigt, und die Küche bleibt meistens kalt. Mit knurrendem Magen blickt Lili auf die gedeckte Kaffeetafel der benachbarten Bürgermeisterfamilie, wo, vom Kniestrumpf über die züchtige Hausfrau bis zum Tischgebet, alles seine Ordnung hat. Lili beschließt für sich, auf die andere Seite zu wechseln. Und so wie heutzutage Kopftuchträgerinnen sich heimlich in der Schultoilette umziehen, so zieht sich Lili heimlich das Dirndl an, um beim örtlichen Blasmusikverein mitmachen zu dürfen: Kinder sind bekanntlich die größten Spießer.

Wie in Wer früher stirbt … befindet sich die Inszenierung meist auf Augenhöhe der aufgeweckten kleinen Heldin, die – und das ist das verborgene Drama in dieser bukolisch durchsonnten Komödie – angesichts der kindischen Großen die Rolle der Erwachsenen übernehmen muss. Meist aber hält Rosenmüller den Ball flach, auch was die Scharmützel zwischen Einheimischen und Zugezogenen betrifft. Er hat ebenso ein Herz für die schnauzbärtigen Dörfler, die der orangenen Invasion höchst misstrauisch begegnen, wie auch für die Urschrei-Kindsköpfe, die sich vorwiegend gegenseitig beharken, als Elite der Erleuchteten aber auch ganz schön abfällig über die CSU wählenden Landeier auslassen – zumal wenn diese ihnen die Frauen abspenstig machen.

Obwohl Rosenmüller mit RAF-Verdächtigungen und versteckten Traumata von Mutter Amrita gelegentlich ernste Töne anschlägt, erinnert der verbale Schlagabtausch oft an Volkstheater und zeigt Rosenmüllers Gespür für Zwischenmenschliches. "Du verschdeckscht Würschdel im Kella!" drangsaliert eine schwäbische Sannyasin, sozusagen die Vegetarismus-Beauftragte der Kommune – im Abspann erfahren wir, dass sie Politikerin geworden ist – einen WG-Kumpel, der heimlich beim Metzger war.

Allerdings legt die Komödie oft ein etwas bräsiges Tempo vor und präsentiert überdies mit Amrita eine Mutter, die im Gegensatz zu allen anderen Beteiligten übertrieben negativ und klischeehaft daherkommt. Petra Schmidt-Schaller spielt eine Frau, die mit aller Macht im Hasch-mich-ich-bin-der-Frühling-Modus verharren will. Mit ihrer echten Mutter hat diese flattrige Neurotikerin nichts gemein, hat Drehbuchautorin Gruber bereits versichert.

Mit jener schlitzohrigen "Passt scho!"-Philosophie, mit der Rosenmüller bereits in Wer früher stirbt  den über den Äther verbreiteten Liebeszauber eines Radio-DJs mit katholischem Heiligenglauben synchronisierte, treiben alle Widrigkeiten auf ein versöhnliches Ende zu, in dem, wie im wahren Leben, die Bhagwan-Esoterik in den breiten Strom der Wellness-Angebote mündet, was hier zum Beispiel die Steigerung des bayerischen Dolce Vitas mittels tantrischem Sex bedeutet. Das ist alles weder bissig noch sonderlich aufregend, aber sympathisch: die filmische Entsprechung zu einem im Biergarten über einer Maß vertrödelten Nachmittag. Ganz entspannt im Hier und Jetzt.