ZEIT ONLNE: Die deutsch-deutsche Teilung ist in unzähligen Filmen beschrieben worden. Sie legen nun ein weiteres Flüchtlingsdrama, Westwind , vor. Was kann jetzt noch neu sein?

Robert Thalheim: Über die DDR gibt es Komödien, die FDJ-Hemden und andere Accessoires ausstellen. Oder es gibt Unterdrückungsdramen, die uns glauben machen wollen, dass die ganze DDR ein einziges Arbeitslager war. Die Menschen, mit denen ich über die DDR spreche, sagen etwas anderes: Die Wahrheit lag zwischen beiden Extremen. Sie sagen, dass es auch Freiheiten gab und nicht jeder von der Stasi überwacht wurde. Und sie sagen, dass nicht jeder, der nicht geflüchtet ist, automatisch linientreu gewesen sein muss. Ich finde, in Filmen lässt sich diese Differenzierung durchaus darstellen.

ZEIT ONLINE: Wie setzen Sie diese Differenzierung um?

Thalheim:Westwind ist die Geschichte von eng verbundenen Zwillingsschwestern. Sie sind Leistungsruderinnen und reisen aus der DDR in ein ungarisches Ferienlager. Beide Mädchen haben am Anfang nicht das Gefühl, in einem Unterdrückungsstaat zu leben, sie fühlen sich eigentlich wohl. Doch durch die Begegnung mit westdeutschen Jugendlichen stellen sie fest, dass sie in Grenzen leben. Plötzlich wird ihre symbiotische Zwillingsbindung auf die Probe gestellt. Die meisten Menschen aus der ehemaligen DDR, mit denen ich gesprochen habe, haben die entscheidende Frage zumindest einmal gedanklich durchgespielt: Gehen oder bleiben? DDR oder Flucht? Deshalb fand ich die Konstellation der Zwillinge so eindringlich. Sie personalisieren diese zwei Seiten und zeigen, wie die Politik langsam in ihr Verhältnis eindringt.


ZEIT ONLINE:
Welche Erinnerung haben Sie an die Mauer?

Thalheim: Ich bin in Westberlin aufgewachsen, in Spandau , die Mauer stand 400 Meter hinter dem Haus meiner Eltern. Wie hatten ein Grundstück in West-Deutschland, dorthin sind wir fast jedes Wochenende gefahren. Ich erinnere mich an das bedrückende Gefühl, wenn wir Richtung Mauer aufgebrochen sind, ständig waren wir der Willkür an den Grenzkontrollen ausgeliefert. Wir hatten ein Kaninchen, das man nicht im Transit mitführen durfte, das habe ich zwischen meinen Beinen versteckt. Einmal haben Volkspolizisten mein Spielzeug-Funkgerät entdeckt. Plötzlich standen wir unter Verdacht Spione zu sein, zwei Stunden lang haben sie unser Auto gefilzt. Es war eine prägende Erfahrung, die allmächtigen Eltern wehrlos zu sehen. Solche Geschichten vergisst man schnell, wenn man heute durch den lebendigen Berliner Mauerpark spaziert.

ZEIT ONLINE:  Wie haben Sie für Westwind recherchiert?

 "In der geistigen Aufarbeitung der Teilung stehen wir erst am Anfang."

Thalheim: Zunächst habe ich mit meiner Freundin gesprochen, die aus Ostberlin stammt. Aus derselben Stadt wie ich – und trotzdem aus einem anderen Land. Wir haben uns gefragt: Wenn die Mauer nicht gefallen wäre, hätten wir uns kennengelernt? Hätten wir Kinder? Auch die Nachwendezeit war prägend. Ich hatte die Sehnsucht, fremde Kulturen kennenzulernen, aber dass ich eine fremde Kultur im eigenen Land kennenlernen würde, hätte ich nicht für möglich gehalten. Deshalb hat mich Westwind sofort angesprochen. Ich suche weniger nach Geschichten, die einen kommerziellen Erfolg wahrscheinlicher machen oder die politisch brandaktuell sind. Ich gehe brutal nach dem eigenen Interesse. Was fasziniert mich? Worüber möchte ich nachdenken?

ZEIT ONLINE: Welche Ideen hat Ihnen Ihre Lebensgefährtin konkret gegeben?

Thalheim: Im Film gehen der westdeutsche Nico und die ostdeutsche Isabel in ein Restaurant. Nico ist mit dem Essen nicht zufrieden und lässt es zurückgehen. Diese Szene hat meine Freundin mit ihrem ersten westdeutschen Freund erlebt, sie konnte sich damals nicht vorstellen, wie jemand überhaupt auf die Idee kommen kann, sein Essen zurückzugeben. Aber selbst heute merken meine Freundin und ich noch Unterschiede. Zum Beispiel, wenn es darum geht, unserem Sohn ein Gute-Nacht Lied vorzusingen. Wir kennen ganz unterschiedliche.

ZEIT ONLINE: Sie erzählen die Flüchtlingsgeschichte unprätentiös wie kaum jemand vor Ihnen. Warum?

Thalheim: In der geistigen Aufarbeitung der deutsch-deutschen Teilung stehen wir erst am Anfang. Die Wiedervereinigung hat sich noch nicht überall vollzogen, die Risse liegen tiefer, als wir ahnen. Viele Ostdeutsche fühlen sich noch immer gedemütigt. Wir sollten auch bei der Umsetzung von Filmen ernsthaft zuhören und eher die kleinen, persönlichen Geschichten erzählen. Wir sollten uns mit Lebensrealitäten genauer und kleinteiliger auseinandersetzen. Ich weiß, dass das im Fernsehen in der Primetime nicht durchsetzbar wäre. Um 20.15 Uhr hätte der Zaun, der die Zwillinge von ihren westdeutschen Verehrern trennt, nicht nur Löcher, sondern einen Stacheldraht oben drauf. Um 20.15 Uhr würden wahrscheinlich ständig Jungpioniere durchs Bild marschieren müssen, und der Rudertrainer der Zwillinge wäre ein Stasi-Sadist. Was wir aber in Westwind zeigen wollen: es geht auch anders.

ZEIT ONLINE:Am Ende kommen Touristen , Ihr Film über das Alltagsleben im Auschwitz der Gegenwart, wird von einer vergleichbaren Leichtigkeit getragen.

Thalheim: Ich versuche einen anderen Blickwinkel einzunehmen, wenn auch nicht dogmatisch. In Am Ende kommen Touristen habe ich versucht, Auschwitz so darzustellen, wie seine Bewohner diesen Ort wahrnehmen, und nicht wie ein Filmemacher, der von außen kommt. Natürlich hat es mir geholfen, dass ich meinen Zivildienst einst in der Jugendbegegnungsstätte von Auschwitz geleistet habe. Wenn man in Auschwitz zum Beispiel baden gehen will, kommt man an einem Wachturm vorbei, aber man starrt ihn nicht ständig an, sondern man schaut zum Beispiel auf den Melonenstand, der am Wasser steht. An den persönlichen Geschichten sollte sich im Film eine symbolische Perspektive entfalten. Was mich interessiert, wurde oft noch nicht erzählt. Also erzähle ich es und hoffe, dass es auch andere interessiert.

Das Gespräch führte Ronny Blaschke