Ein gigantisches Kreuzfahrtschiff wühlt das Mittelmeer bei unfreundlichem Wetter auf. Die Reling liegt im Regen verlassen da, das Treiben der müßigen Passagiere ist nach innen verlegt. Wie die Lemminge drängt man sich am Pool zur Power-Point-verstärkten Aerobic-Stunde, hängt an Spielautomaten herum und greift im Durchgangsverkehr riesiger Selbstbedienungszonen sein Essen ab. Von der Romantik der Ozeanriesen, die das Kino einst als Ikonen des mondänen Savoir-vivre ins kollektive Bildgedächtnis senkte, keine Spur. Die Massen sind’s zufrieden, der Laden läuft.

Solch einen touristischen Unort der Jetzt-Zeit wählte der französisch-schweizerische Regisseur Jean-Luc Godard als Schauplatz seines befremdlichen, monströsen Experimentalessays  Film Socialisme . Der rabiateste unter den Paten der einstigen Nouvelle Vague kommt mit diesem unbegreiflichen Bilderberg, einem erratischen Vermächtnis, zum ersten Mal nach zwanzig Jahren wieder in die deutschen Kinos.

Mit seinen Rivalen François Truffaut, Claude Chabrol, Eric Rohmer und anderen erzählte er die Kino-Geschichten über Liebe, Verrat, Geld, Rausch und Tod in den sechziger Jahren neu. Sein Erstling Außer Atem ist längst ein Klassiker, doch Jean-Luc Godard blieb mit einem Bein immer außerhalb der Filmindustrie. Er probierte maoistische Umsturz-Ideen aus und zog sich angesichts des Sieges von Sex and Crime und Bla-Bla auf allen TV-Kanälen radikal auf die Rolle des intellektuellen Bildersammlers und Forschers zurück. Unzählige Filmschnipsel analysierte er und verglich sie mit Fotografien, literarischen, philosophischen und politischen Texten. Godard spürt die Triebenergien, die das brutale 20. Jahrhundert prägten, in diesen Bilder- und Ideenlabyrinthen auf und konterkariert sie mit der puren Expressivität der Musik. Sein scharfsichtiges Dekonstruieren speist sich aus der Verzweiflung an den Ungeheuerlichkeiten der Geschichte und dem rasenden Stillstand der Gegenwart.

Im neunten Lebensjahrzehnt hat Godard keine Geduld, sein Denken in possierliche Film-Plots zu kleiden. So ist Film Socialisme eine seltsam zerfahrene, aus rudimentären Episoden, Film- und Textzitaten kompilierte Tour d’horizon, ein albtraumhaftes Klage-Poem von der Wiederkehr des Verdrängten.

Um die Frage "Quo vadis Europa?" kreisen alle Ideen- und Bildersplitter des Films, doch die Haltung des Fragenden wird im rasenden Wirbel durch hammerharte Bonmots ersetzt. Sätze wie "Geld ist ein öffentliches Gut, wie das Wasser also", "Krieg ist eben Krieg, aber ein Verbrechen bleibt ein Verbrechen" oder "Geld wurde erfunden, um den Menschen nicht in die Augen sehen zu müssen" bilden die Textur des Ganzen. Überdeutlich erteilt Godard die Lektion, dass Kino-Illusionen nicht zu trauen sei, unerbittlich fordert er dazu heraus, jedes Bild für etwas anderes zu nehmen, jede Szene als schon einmal gesetzt, jede Dialogzeile als Bonmot aus dem Fundus der toten Ahnen und Dämonen europäischer Kultur zu verstehen. Mit jeder Faser unserer malträtierten Auffassungsgabe soll uns der herrschende "Realitätsmangel" bewusst werden. Godards tief verwurzelte protestantische Hassliebe zum Reich der Bilder prägt auch Film Socialisme .