ZEIT ONLINE:  Was hat Sie an dem eng gefassten Zeitfenster der letzten vier Tage des Zweiten Weltkrieges interessiert?

Achim von Borries:  Ich finde es immer gut, wenn man komplexe Themen wie den Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion in einer kleinen Geschichte, einem begrenzten Setting und einem kurzen Zeitraum kondensieren kann. Die Menschen befanden sich in diesen letzten Kriegstagen in einer Übergangsphase. Langsam setzte sich die Möglichkeit, dass man diesen riesigen Krieg tatsächlich überleben könnte, in den Köpfen der Soldaten fest. Jahrelang mussten sie alles Menschliche verdrängen, um im Krieg töten zu können, und plötzlich fallen sie aus der Zeit. Die Welt hält den Atem an. Sie merken, dass das Ende des Krieges zum Greifen nah ist und überlegen, was sie eigentlich danach tun wollen. Diese Transformation hat mich interessiert.

ZEIT ONLINE: Kommt man an solchen Schnittstellen der Geschichte der historischen Wahrheit am nächsten?

von Borries: Solche Schnittstellen sind für einen Erzähler natürlich immer interessant, weil alle Möglichkeiten offen stehen. Ich glaube, Wahrheit zeigt sich am ehesten in Momenten der Ruhe. In unserem Film steht der Krieg still und als Erzähler kann man sich dann um die Menschen kümmern.

ZEIT ONLINE: Die Geschichte beruht auf historischen Ereignissen. Wie sind Sie darauf gestoßen?

von Borries: Als Quelle gab es eine Meldung aus dem sowjetischen Militärarchiv, aus der hervorging, dass eine Einheit der Roten Armee ein Kinderheim besetzt hatte, um die Küste zu beobachten. Am 7. Mai haben sich Offiziere einer übergeordneten Einheit dem Haus in "unwürdigen Absichten" genähert, das heißt sie wollten die Frauen dort vergewaltigen. Die Soldaten waren betrunken, wurden rausgeschmissen, haben daraufhin in Raserei andere Truppenteile rekrutiert und behauptet, in dem Heim verstecke sich eine Einheit von Überläufern. Durch den Gefechtslärm aufmerksam geworden kamen deutsche Soldaten hinzu, die in der Nähe lagen, und haben sich der Verteidigung des Kinderheimes angeschlossen. Mutmaßlich wurden die Kinder und Frauen sowie die deutschen und russischen Soldaten, die das Gefecht überlebt hatten, mit Booten außer Landes gebracht.

ZEIT ONLINE: Wie ist aus dieser Archivmeldung ein Drehbuch geworden?