Taste The Waste ist sehr nah an den Menschen erzählt und Thurn gibt seinen Protagonisten viel Raum ihre Situation zu beschreiben. Jeder Porträtierte findet es im Kern irgendwie falsch, Essen wegzuwerfen. Viele der Lebensmittel, die in den Groß- und Supermärkten ausrangiert werden, sind schließlich noch genießbar, selbst wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Nur ein kleiner Teil davon geht an gemeinnützige Tafeln, das meiste kommt hinten in den Abfallcontainer. Es scheint sich zu rechnen, Nahrungsmittel zu entsorgen statt sie zu verschenken – so bleiben die Preise stabil. Das mag ökonomisch betrachtet stimmen, moralisch ist es nur schwer zu begreifen.

Auf dem globalen Markt sind die Lebensmittelpreise für alle Länder gleich, ob Industrienation oder Entwicklungsland. Die Argumentation eines Agrarökonoms, der in dem Film zu Wort kommt: Würden die Menschen weltweit weniger Lebensmittel wegschmeißen, müssten sie weniger kaufen – und die Preise auf dem Weltmarkt würden sinken. Ob Japan, USA, Frankreich, Italien oder Deutschland – überall landen wertvolle Kalorien und Nährstoffe im Müll, die woanders in der Welt fehlen. Es würde heute genug Nahrung produziert, um die Weltbevölkerung dreimal zu ernähren, heißt es im Film.

Auch für das Klima wäre es sinnvoll, mit der Nahrung anders umzugehen: Landen Lebensmittel im Müll, geht damit nicht nur eine potenzielle Mahlzeit verloren, sondern auch die Energie und Arbeitskraft, die für die Produktion aufgewandt wurde, sagt eine Müllforscherin aus Wien. Die Landwirtschaft bläst ein Drittel der Treibhausgase in die Atmosphäre. Produzierte die Lebensmittelindustrie weniger Überschüsse, gelangten weniger Gase in die Atmosphäre, die für das Klima schädlich sind.

Taste The Waste ist keine Enthüllungsdoku. Dass Menschen auf der ganzen Welt – vor allem in den Industrienationen – Lebensmittel verschwenden, überrascht kaum. Und doch wirkt der Film wie Salz in einer Wunde, indem er all die Orte vor Augen führt, an denen sich Mahlzeiten in Unmengen von Müll verwandeln. Er zeigt, dass da etwas nicht stimmt mit unseren Tischgewohnheiten. Taste The Waste ist das unaufgeregte, dokumentarische Werk eines Autors, der die Rolle eines Aktivisten einnimmt und dabei den Pfad eines objektiven Berichterstatters verlässt. Lebensmittelkonzerne kommen beispielsweise nicht zu Wort. Dennoch ist Taste The Waste nachvollziehbar. Die Geschichte der Doku erzählen die Bilder und die Personen. Dafür braucht es keinen Sprecher aus dem Off. Nur gelegentlich werden Fakten als Text eingeblendet. 

In den Nahrungsmittel-Dokumentationen der vergangenen Jahre war die Verschwendung von Lebensmitteln bislang kein Thema. In Supersize Me ernährt sich der Protagonist nur noch von Fast Food und protokolliert, wie sein Körper sich in nur 30 Tagen verändert. In Fast Food Nation verfolgten Eric Schlosser und Richard Linklater den Weg eines Burgerpattys von der Farm bis auf den Grill. In Good Food, Bad Food – Anleitung für eine bessere Landwirtschaft kämpfen verschiedene Menschen gegen den Einsatz von Pestiziden, Herbiziden und Düngern und für den Erhalt von Böden. Unser täglich Brot war ein Blick hinter die Kulissen einer durch und durch industrialisierten Lebensmittelproduktion. Ohne einen kommentierenden Satz zeigte die Doku, wie etwa Rinder getötet, Schweine geschlachtet und Hühner gemästet werden. Auch in dem politisch eingestelltem Film We Feed The World ging es um die Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion und deren Folgen in einer globalen Welt. Taste The Waste reiht sich in diese Liste wunderbar ein und ergänzt sie um die wichtige Frage: Müll oder Mahlzeit?