Das düsterste Kapitel in Jungs Leben ist jedoch, wie er sich von den Faschisten vereinnahmen ließ. Während der Jude Sigmund Freud von den Nazis verteufelt wurde, ließ sich C.G. Jung hofieren und für den Rassenwahn instrumentalisieren. Öffentlich hat sich Jung nie davon distanziert.

Eine Art von Aufarbeitung war es für ihn, sich mit der Entstehung des Bösen auseinanderzusetzen. Er kam zu dem Schluss, dass es nicht ferngehalten werden kann, wie es die christlichen Märtyrer mit ihren Speeren gegen die Drachen versuchten. Laut Jung muss das Böse ins Bewusstsein integriert werden. Er strebte nach seelischer Ganzheit und wollte die Rationalität mit der Seele versöhnen. Der Mensch muss hinabsteigen in die Depression, um die Angst vor dem Dunklen zu verlieren.

Die Nachtmeerfahrt, die dem Film den Titel gibt, ist Sünners Bild für diesen Weg, das er bei Jung entliehen hat.

Der Film will nicht nur eine Hommage zum 50. Todestag sein, sondern behauptet glaubwürdig, dass die Suche nach Religiösem auch jenseits der Kirchen viele Menschen aktuell umtreibt. Besonders gut lässt sich das im Kino erkennen. Spirituelle und angsteinflößende Sujets locken das Publikum. Harry Potter muss das Böse in sich akzeptieren und Todeserfahrungen überstehen. In Melancholia ist der Weltuntergang gleichzeitig Faszinosum und pure Angst. Wir schrecken zurück und wollen es doch durchleben.

Irgendwann sagt die Psychologin Verena Kast, dass Filmbilder die Funktion der Märchen ersetzt haben. Große Filme, auch die, die sich nicht explizit mit dem Unbewussten oder Märchenwelten beschäftigen, stützen sich immer wieder auf uralte archetypische Strukturen – auf das kollektive Unbewusste. Das hält C.G. Jung aktuell.