I Ging , dem Buch der Wandlungen . Seine Übertragung gilt bis heute als unübertroffen. Der Sinologe und Literaturübersetzer Wolfgang Kubin sagt über sie: "Selbst nach bald achtzig, neunzig Jahren erweist sich der Autor hier immer noch als Meister eines esoterischen Metiers, das wohl nie besser erklärt wurde." Dies sei kein Wunder, habe Wilhelm sich doch "diesen Urgrund der chinesischen Geistesgeschichte nicht nur von chinesischen Gelehrten auslegen lassen, sondern auch danach sein Leben aktiv zu gestalten gesucht."

Insgesamt elf Jahre arbeitete Wilhelm an der besonders schwierigen Übersetzung des

Bettina Wilhelm versucht, all das Wissen in ihrem sehr persönlich anmutenden Dokumentarfilm anschaulich zu vermitteln. Sie besuchte unter anderem die Schule und das Wohnhaus der Wilhelms, in dem ihr Großvater Wilhelm an den chinesischen Klassikern arbeitete, und montiert historische Fotos und Filme neben aktuelle Aufnahmen von den China-Stationen ihres Großvaters, die sie aufgesucht hat. Man erfährt nicht nur einiges über das historische China zwischen 1900 und dem Beginn der 1920er Jahre, sondern auch, wo und wie es heute im Zeichen des Kapitalismus weiterlebt. Damit schafft die Filmemacherin wie nebenbei immer wieder Bezüge zu heute.

Zu wenig Experten

Natürlich lernt der Zuschauer ein paar Grundlagen zur chinesischen Philosophie, zum Orakelbuch I Ging und darüber, welche Möglichkeiten der Selbstreflektion und Selbsterkenntnis es bietet. So erläutert der für den Film befragte Historiker Richard J. Smith, wie man sein Leben nach Auffassung des I Ging ordnen kann. "Ordnung bedeutet nicht Starrheit", sagt er. Eine der wesentlichen Erkenntnisse des I Ging sei, "dass wir unsere Welt erst ordnen, um sie dann selbst zu bestimmen." Oder in anderen Worten: "In der geordneten Existenz steckt die Kapazität für unendlichen Wandel."

Neben Smith wurden für den Film noch der Sinologe Henrik Jäger, ein I Ging -Experte, befragt, sowie Sonu Shamdasani, der über C. G. Jung forscht und über die Begeisterung des Psychotherapeuten für Wilhelm spricht. Ausnehmend gut getan hätte es der Dokumentation jedoch, wenn mehr ausgewiesene Experten zu Wort gekommen wären, wie etwa der erwähnte Wolfgang Kubin. Es hätte dem Film über den arg engen Fokus auf nur ein Werk hinweghelfen können.

So erfährt man wenig über die Methode von Wilhelms Übertragungen ins Deutsche, die kunstvoll waren, aber nicht von allen geschätzt wurden. 1924 übernahm er als Nicht-Promovierter und im Hochschuldienst Unerfahrener an der Frankfurter Universität den ersten Lehrstuhl für Chinakunde. Prompt meldeten sich Missgünstige: Wilhelm sei nicht wissenschaftlich genug.

Oder welche Bedeutung es eigentlich hat, dass ausgerechnet die lange Zeit besonders weit verbreiteten Ausgaben der Wilhelm-Übersetzungen (jene aus Diederichs Gelber Reihe) nur gekürzte Fassungen waren und daher nicht authentisch.

Arbeit und Wirken Richard Wilhelms sind derart reichhaltig, das die Dokumentation mehr Zugänge zur Thematik hätte nutzen können. Die vermisst man nun.